Pressefassung

Einstellungen der SchweizerInnen gegenüber Jüdinnen und Juden und dem Holocaust

Eine Studie des GfS-Forschungsinstituts im Auftrag der Coordination intercommunautaire contre l'antisémitisme et la diffamation (CICAD) und des American Jewish Committee (AJC)

Claude Longchamp Jeannine Dumont Petra Leuenberger
Claude Longchamp,
Politikwissenschafter, Co-Leiter des GfS-Forschungsinstituts
Dr. Jeannine Dumont,
Stv. Leiterin "Politik und Staat", GfS-Forschungsinstitut
Dr. Petra Leuenberger,
Projektleiterin "Politik und Staat"GfS-Forschungsinstitut

Einleitung

Wir stellen Ihnen im Folgenden die Studie "Einstellungen der SchweizerInnen gegenüber Jüdinnen und Juden und dem Holocaust" vor, die das GfS-Forschungsinstitut im Auftrag der CICAD (Coordination intercommunautaire contre l'antisémitisme et la diffamation) und des AJCs (American Jewish Committee) durchgeführt hat. Die Studie ist in ihrer Art insofern einmalig, weil die Ergebnisse einerseits im internationalen Kontext betrachtet und interpretiert werden können, andererseits aber auch die spezifisch schweizerische Situation heute und in der Vergangenheit reflektieren.

Vorab einige weitere Informationen zum Vorgehen bei der Studie "Einstellungen der SchweizerInnen gegenüber Jüdinnen und Juden und dem Holocaust". Die Repräsentativ-Befragung fand zwischen dem 10. und dem 24. Januar 2000 statt. Insgesamt wurden 1210 Stimmberechtigte der deutsch- und französischsprachigen Schweiz befragt.

Selbstbilder und Berührungsängste gegenüber anderen Nationalitäten und Jüdinnen resp. Juden

Der Respekt gegenüber Minderheiten kann als Kennzeichen der Demokratie in der Schweiz gelten. Dies gilt sowohl für schweizerische Minderheiten als auch für Menschen anderer Herkunft oder Zugehörigkeit. Unabsehbar ist allerdings, dass sich Pro-bleme stellen, wenn es sich um Menschen anderer Länder, anderer Nationalitäten oder Ethnien handelt.

Grafik 1

Rassismus im Alltag entsteht in erster Linie aus Berührungsängsten gegenüber dem Fremden. Die Klassierung gibt denn auch wieder, wie die genannten Gruppen hinsichtlich Sympathie und Antipathie der Lebensführung beurteilt werden. Hiervon betroffen sind Jüdinnen und Juden nur teilweise. Ihre Akzeptanz als WohnnachbarInnen befindet sich im Gruppenvergleich in der Mitte. 8 Prozent möchten keine jüdischen NachbarInnen, 28 Prozent sind sie willkommen. Die grosse Mehrheit der Befragten nimmt nicht ausdrücklich Stellung. Ihnen ist es weitgehend egal, wen sie als NachbarIn haben. Verstärkt keine Juden als Nachbarn wünschen sich SVP-AnhängerInnen mit 21 Prozent und Personen über 65 Jahren mit 15 Prozent.

Unterscheiden wir hier die Akzeptanz bzw. Ablehnung der Juden und Jüdinnen der Schweizer/innen stellen wir die folgenden Typisierungen fest:

Aus der Menge von Vorwürfen, denen sich Jüdinnen und Juden häufig ausgesetzt sehen, haben wir drei typische herausgegriffen:

Grafik 2

Vorwurf des Gottesmordes: Der Aussage "nach wie vor sind Jüdinnen und Juden für den Tod Christi verantwortlich" stimmen 64 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer nicht zu. 10 Prozent stimmen ihr zu.

Ausnutzung der Erinnerung an den Holocaust: 47 Prozent der SchweizerInnen sind nicht der Ansicht, Jüdinnen und Juden würden die Erinnerung für ihre Zwecke instrumentalisieren. 39 Prozent sind der Meinung, "Jüdinnen und Juden nützen die Erinnerung an die Vernichtung der Jüdinnen und Juden durch die Nazis für ihren eigenen Vorteil aus".

Loyalität gegenüber Israel: Was die Frage nach der Loyalität von Jüdinnen und Juden angeht, fallen die Antworten ziemlich ausgeglichen aus. Ein knappes Drittel (30%) stimmt der Behauptung "Schweizer Jüdinnen und Juden sind gegenüber Israel loyaler als gegenüber der Schweiz" zu.

Ähnliches kommt zum Ausdruck, wenn man nach dem Einfluss der Jüdinnen und Juden in der Welt heute und in der Vergangenheit fragt. 33 Prozent sind mit dieser Aussage mehr oder weniger klar einverstanden, eine Mehrheit dagegen nicht.

Einstellungen zur Judenvernichtung durch die Nazis und Einstellungen zum Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg

Um den Kenntnisstand der Schweizerinnen und Schweizer über die Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg zu erfassen, haben wir ihnen unter anderen folgende Fragen gestellt.

Übersicht über die Kenntnisse der SchweizerInnen zur Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg
 
Wissensfrage
 
 
korrekte Antworten
 
 
falsche Antworten
 
 
keine Antwort / weiss nicht
 
Begriff "Holocaust/Shoa" 50% 35% 15%
Begriffe wie Auschwitz, Dachau und Treblinka 73% 14% 13%
Symbol auf Kleidung 76% 10% 14%
Zahl umgebrachter Juden 45% 32% 23%
Quelle: GfS-Forschungsinstitut und American Jewish Commitee, "Einstellungen der SchweizerInnen gegenüber Jüdinnen und Juden und dem Holocaust" 1/2000, (N=1210)

Auf den ersten Blick, so scheint es, verfügen Schweizerinnen und Schweizer über ziemlich gute Kenntnisse. Bei zwei Fragen ist es die Hälfte oder knapp die Hälfte der Befragten die korrekte Antworten liefern, bei den anderen zwei sind es sogar rund drei Viertel. Im internationalen Vergleich schneiden Schweizerinnen und Schweizer jedoch eher mittelmässig ab.

Kenntnis des Symbols, das Jüdinnen und Juden im Zweiten Weltkrieg an ihrer Kleidung tragen mussten, in der Schweiz und im internationalen Vergleich (in Prozenten)
"Viele Jüdinnen und Juden wurden während des 2. Weltkriegs gezwungen, an ihrer Kleidung ein Symbol zu tragen. Können Sie mir sagen, um welches Symbol es sich dabei gehandelt hat?"
 
Land
 
 
Gelber Stern / Judenstern / Davidstern
 
 
Andere Antworten
 
 
keine Antwort / weiss nicht
 
Deutschland (1994) 91 1 8
Frankreich (1993) 88 9 3
Österreich (1995) 84 1 17
Schweden (1999) 82 5 14
Slowakei (1999) 78 4 19
Schweiz (2000) 76 10 14
Polen (1995) 74 8 18
Australien (1994) 72 17 12
Tschechische Republik (1999) 67 24 9
Grossbritannien (1993) 56 9 34
USA (1994) 42 24 33
Russland (1996) 34 7 59
Quelle: GfS-Forschungsinstitut und American Jewish Commitee, "Einstellungen der SchweizerInnen gegenüber Jüdinnen und Juden und dem Holocaust" 1/2000, (N=1210)

Sie sehen, 76 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer wissen, um welches Symbol es sich gehandelt hat, doch damit liegen sie "nur" auf Rang sechs, hinter Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweden und der Slowakei. Schweizerinnen und Schweizer belegen, wenn man sie mit den übrigen elf Ländern vergleicht, zu denen vergleichbare Daten vorliegen, die Ränge 9 bei Frage nach "Holocaust/Shoa", 10 bei Frage nach "Auschwitz, Dachau, Treblinka", und 4 bei Frage nach Zahl von im Zweiten Weltkrieg ermordeten Jüdinnen/Juden.

Einschätzung des Verhaltens der Schweiz im Zweiten Weltkrieg

Um die Einschätzung des Verhaltens der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zu erfassen, haben wir den Befragten verschiedene Ansichten dazu vorgelegt. Sie mussten dann bei jeder Behauptung angeben, ob sie ihr zustimmen oder ob sie ihr nicht zustimmen.

Grafik 3

Einzig die Behauptung, die Schweizer Regierung habe sich richtig verhalten, um zu verhindern, dass die Schweiz überfallen wird, findet mit 65 Prozent mehrheitlich Zustimmung. Verstärkt vorhanden ist dies bei Leuten, die älter als 65 Jahren alt sind, die zur Anhängerschaft der CVP oder der SVP zählen.

Der Behauptung, die Schweizer Regierung habe gegen die Nazis Widerstand geleistet, stösst bei 42 Prozent auf Zustimmung. Überdurchschnittlich überzeugt von der Widerstandsleistung der Schweiz sind wiederum ältere Leute und die AnhängerInnen aller Mitte-Rechts-Parteien.

Die drei anderen Behauptung, die eine Nähe der Schweiz zum Dritten Reich unterstellen, lösen heute grössere Unsicherheiten aus. Je ein Viertel denkt, die Schweiz habe Sympathien gezeigt resp. sich feige verhalten. Von Kollaboration geht ein Sechstel aus. Von Sympathien gehen verstärkt AnhängerInnen der SPS; aber auch der FDP und CVP sowie die Romand(e)s.

Und die Flüchtlingspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg? Ein Drittel der SchweizerInnen ist der Ansicht, die Schweiz habe während des 2. Weltkriegs zu wenig jüdische Flüchtlingen aufgenommen. 4 Prozent sind gegenteiliger Auffassung, und 43 Prozent meinen, das Mass sei "gerade richtig" gewesen, beinahe ein Fünftel weiss es nicht.

56 Prozent der SchweizerInnen teilen heute die Aussagen des "Bergier"-Berichtes zur Flüchtlingspolitik, wonach die Schweiz im Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge abgewiesen habe, die an Leib und Leben bedroht waren. Ausdrücklich ablehnender Meinung ist ein Fünftel der Befragten. Beinahe ein Viertel antwortet nicht.

Grafik 4

Von keiner Mehrheit geteilt wird die Aussage durch Personen, die

Antisemitismus in der Schweiz von heute

Ist die Schweiz antisemitisch? Oder äussert sich antisemitisches Denken wenigstens bei Teilen der Bevölkerung? Und was zeichnet den Antisemitismus in der Schweiz von heute aus? Wir gehen zuerst auf das Problembewusstsein der BürgerInnen ein, gehen dann der Frage nach, ob Schweizerinnen und Schweizer in ihrem Land antisemitische und/oder rassistische Parteien wahrnehmen. Abschliessend soll eine analytische Typologie zum Antisemitismus in der Schweiz Aufschluss darüber liefern, wie sich der typisch schweizerische Antisemitismus äussert und wer ihm wie nahesteht.

Für eine Mehrheit der Stimmberechtigten ist der Antisemitismus in der Schweiz ein ernstes Problem. Sehr ernst nehmen es 16 Prozent, eher ernst 41 Prozent. Für eine Minderheit stellt der Antisemitismus keine besonders ernst zu nehmendes Problem dar, wobei sich 28 Prozent für eher nicht ernst und 6 Prozent für überhaupt nicht ernst entschieden.

Grafik 5

Die Thematik besonders sensibel betrachten zwei Gruppen: Menschen, die länger als 5 Jahr im Ausland gelebt haben und Personen unter 24 Jahren

58 Prozent der SchweizerInnen sind der Meinung, es gäbe zur Zeit in der Schweiz Parteien, die rassistisch oder antisemitisch seien. Lediglich 29 Prozent geben an, dass es keine Parteien dieser Art gibt.

Grafik 6

Die primäre Unterscheidung ergibt sich aufgrund des eigenen Wahlverhaltens. Bei der SP bejahen 79 Prozent die Aussage existierender antisemitischer Parteien, bei der FDP 62 Prozent, bei der CVP 51 Prozent, während bei der SVP 57 Prozent der Meinung sind, das gäbe es in der Schweiz nicht.

Soweit spezifische Parteien genannt wurden, rangiert die SVP (19%) an erster Stelle, gefolgt von den Schweizer Demokraten (7%), der Freiheitspartei (3%), bzw. der Lega dei Ticinesi (2%). 4% nannten noch rechtsextreme Parteien an sich.

Eine systematische Durchsicht der Antworten, die welche die Befragten auf die verschiedenen Fragen gegeben worden sind, legt dagegen verschiedene Antwortmuster nahe, die in sich kohärent auftauchen. Es kreist vor allem um die Vorurteile gegenüber Juden und JüdInnen, wie sie einleitende vorgestellt worden sind. Kohärente Antworten fanden wir vor allem bei den Fragen nach dem Einfluss der Jüdinnen/Juden auf die Welt, resp. auf die Schweiz.

Grafik 7

Bildet man aus der Zustimmung zu diesen Fragen einen Index der Nähe zum typisch schweizerischen Antisemitismus, erfüllen

Damit zeigt rund ein Sechstel der SchweizerInnen eine deutliche Nähe zum Antisemitismus, vor allem sichtbar an Vorurteilen gegenüber der jüdischen Bevölkerung. 3 von 5 BürgerInnen stimmen zwar in der einen oder anderen Frage mit Positionen der AntisemitInnen überein, ihnen fehlt aber, dass sie systematisch Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden teilen.

Zahlreicher als im Mittel findet sich die Übereinstimmung mit antisemitischen Aussagen in der Wählerschaft der SVP (33%), bei RentnerInnen (22%) und bei Männern (21%).

Bilanz

Wie also reagieren die Schweizer Stimmberechtigten auf Jüdinnen und Juden, den Holocaust und Antisemitismus? Die Antworten auf die Fragen, die wir mittels einer international vergleichbaren Repräsentativ-Befragung geklärt haben, seien in Form von fünf Thesen zur den gegenwärtigen Einstellungen der SchweizerInnen gegenüber den Juden und Jüdinnen präsentiert.

Das Verhältnis der SchweizerInnen zu Jüdinnen und Juden wird durch aktuell mobilisierte Vorurteile zur jüdischen Weltherrschaft geprägt.

 
Die Kontroverse um das Verhalten der Schweiz im 2. Weltkrieg ist der zentralen Angelpunkt für antisemitische Denken heute.

 
Das Bewusstsein um das generelle Problem des Antisemitismus und Rassismus ist bei einer Mehrheit der SchweizerInnen vorhanden, bei einer Minderheit nicht.

 
Das Wissen der SchweizerInnen gerade um den Holocaust bleibt im internationalen Vergleich eher mittelmässig.

 
Selbstbilder des SchweizerInnen-Seins begründen die untergründige Distanz zu Jüdinnen und Juden im heutigen Alltag.