Entwicklungszusammenarbeit im Spannungsfeld der Finanzierung

Hauptergebnisse des "Entwicklungshilfe-Monitor '99" des GfS-Forschungsinstituts

Jeannine DumontDr. Jeannine Dumont,
Psychologin, Projektleiterin GfS-Forschungsinstitut

Die Studie "Entwicklungshilfe-Monitor" hat das Ziel, das Verhältnis der stimmberechtigten Bevölkerung zur Entwicklungshilfe der Schweiz auszuleuchten. Dabei geht es um das Wissen und die Meinungen gegenüber zentralen Elementen der Tätigkeiten, die namentlich der Bund und die Hilfswerke erbringen.

Die Studie basiert zunächst auf einer Repräsentativ-Befragung, welche das GfS-Forschungsinstitut im Januar 1999 bei 1230 Personen der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz realisiert hat. Um die Trends ermitteln zu können, werden die aktuellen Ergebnisse mit jenen verglichen, die sich bei gleichen Fragestellungen in den letzten 15 Jahren ergeben hatten.

Assoziationen zum Begriff "Entwicklungsländer"

Der Begriff "Entwicklungsländer" wird spontan am häufigsten mit "Armut" (21%) in Verbindung gebracht, am zweithäufigsten wird dieser mit "Afrika" (12%), "Hunger" (8%) und "Dritte Welt" (11%) assoziiert. Der Vergleich zwischen den letzten zwei Erhebungen (1994 mit 1999) zeigt nur geringe Veränderungen.

Das Stichwort "Entwicklungsländer" wird am häufigsten mit der Vorstellung vom "Menschenrechtsmissbrauch" (60%) und "Diktaturen" (59%) gleichgesetzt. Der Vergleich mit der letzten Erhebung (1994 mit 1999) zeigt in dieser Frage eine Veränderung. Im Jahre 1994 wurden eher die sozialen Ungleichheiten wie Ausbeutung seitens der Industrieländer genannt und weniger der politische Aspekt, d.h. die Menschenrechte.

Wahrnehmung der Entwicklungshife-Problematik

Als die wichtigsten Konfliktquellen der Weltpolitik gelten der "Hunger" (65%), das "Bevölkerungswachstum" (53%) und die "Arbeitslosigkeit" (49%). Die Konfliktdefinition ist im Vergleich zur letzten Erhebung im wesentlichen stabil geblieben.

Abbildung 1

Wie stark sind die Stimmberechtigten der Meinung, dass sie die weltweiten Probleme beeinflussen können? Diese Frage zeigt, dass die Leute den Problemen wie Menschenrechtsverletzung, Armut und Hunger relativ machtlos gegenüber stehen. 41 Prozent der StimmbürgerInnen geben an, dass sie sich vollständig machtlos fühlen, und 51 Prozent sind der Meinung, dass sie einen geringen Einfluss haben. 7 Prozent glauben die weltweiten Probleme direkt beeinflussen zu können (1% keine Angabe). Vergleicht man die vorletzte mit der letzten Messung, wird ein leicht positiver Trend ersichtlich. Im Jahre 1994 waren 48 Prozent der Meinung, dass sie vollständig und 44 Prozent teilweise machtlos der weltweiten Problematik gegenüber stehen. Die Ohnmachtsgefühle haben damit ein wenig abgenommen.

Abbildung 2

Die Mehrheit der StimmbürgerInnen ist der Meinung, dass durch eine angepasste eigene Lebensweise (56%) und finanzielle Unterstützungen (52%) die Weltprobleme beeinflusst werden können. Ein Drittel der Bevölkerung ist der Meinung, dass Freiwilligenarbeit, Mitarbeit in den Gruppen und vermittelnde Gespräche zur Linderung der weltweiten Probleme beitragen können.

Der Vergleich zwischen den 1994 und 1999 zeigt, dass sich in den letzten fünf Jahren grosse Veränderungen in dieser Frage ergeben haben. Mehr StimmbürgerInnen als 1994 können sich vorstellen, persönlich etwas zur Lösung der Probleme beizutragen, und zwar durch die Veränderung der eigenen Lebensweise und/oder politischem Engagement. Die Leute denken zur Zeit ganzheitlicher und solidarischer. Zusammenhänge zwischen der Lebensweise in den Industrieländern und denjenigen in den Entwicklungsländern werden erkannt.

Abbildung 3

Wahrgenommene Veränderungen der Lage in den Entwicklungsländern

Die Frage, ob sich in den letzten 10, 20 Jahren die Lage der Entwicklungsländer verändert hat, zeigt, dass 35 Prozent aller Befragten der Meinung sind, die Lage in den Entwicklungsländern habe sich eindeutig (4%) bis etwas (31%) verbessert. Ein Drittel widerspricht dem, sind sie doch der Meinung, dass sich die Lage etwas (18%) bis eindeutig (14%) verschlechtert habe.

Vergleicht man in dieser Frage die Ergebnisse mit den Ergebnissen aus dem Jahre 1994, zeigt sich eine positive Bilanz. Vor fünf Jahren waren lediglich 23 Prozent der StimmbürgerInnen der Meinung, dass sich Besserungen in diesem Bereich abgezeichnet haben.

Abbildung 4

Die konkrete Frage nach den Massnahmen, die zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Entwicklungsländern führen, zeigt wirtschaftliche Reformen im Süden (z.B. Agrarreform, Kampf der Korruption 44%) und neue weltwirtschaftliche Regeln (z.B. bessere Rohstoffpreise, 40%) an der Spitze. Seit 1994 zeichnet sich ein Wechsel zwischen den zwei Hauptgründen ab.

Nur 9 Prozent sind der Meinung, die Regierungen der Entwicklungsländer würden ernsthaft etwas zur Verbesserung der Lage beitragen. Die Mehrheit (66%) findet, die Regierungen seien nur manchmal aktiv, und 22 Prozent vertreten die Ansicht, diese seien nie aktiv tätig. In den letzten fünf Jahren hat sich in dieser Frage eine leichte Änderung in der Wahrnehmung der Leute ergeben, hat doch der Anteil der Leute zugenommen (+5%), für die die Regierungen manchmal aktiv sind.

Abbildung 5

Auf die zum ersten Mal gestellte Frage, wem die Globalisierung der Wirtschaft Vorteile bringt, geben 39 Prozent an, sie "nützt eher den Reichen und schadet eher den Armen aller Länder". Entsprechend glauben 33 Prozent, dass die Globalisierung eher den Industrieländern nützt. Nur 11 Prozent glauben, sie bringe allen Ländern Vorteile, und nur 6 Prozent denken, dass die Entwicklungsländer davon profitieren.

Motivationen für die Entwicklungszusammenarbeit

Die Frage nach den Motiven für die Entwicklungshilfe zeigt, dass primär der humanitäre und sekundär der ökologische Gedanke eine Rolle spielen. 37 Prozent der Stimmberechtigten sind der Meinung, dass die Solidarität mit den Mitmenschen Hauptmotiv der Entwicklungspolitik sei. 31 Prozent geben an, dass das Bremsen beim Raubbau an der Natur Hauptmotiv sein solle. Weitere Hauptmotive, die von rund einem Viertel genannt werden, sind die Förderung des Weltfriedens und die Milderung der Flüchtlingsprobleme.

Abbildung 6

Die Solidarität ist zeitlich gesehen unvermindert das Hauptmotiv für die Entwicklungshilfe. Steigend ist dagegen im Kontext der Entwicklungshilfe die Bedeutung, den Weltfrieden zu fördern.

Entwicklungshilfebudget des Bundes

Die Mehrheit von 56 Prozent ist der Meinung, das Bundesbudget für Entwicklungshilfe solle belassen werden. 20 Prozent möchten es erhöhen, 17 von Hundert reduzieren. Der zeitliche Trend verweist auf eine leichte Verschiebung, nimmt doch seit 1989 die Bereitschaft zum Abbau leicht zu, während die Unterstützung des Ausbaus rückläufig ist.

Abbildung 7

Die Ausgaben des Bundes für Entwicklungshilfe werden stark überschätzt, obwohl sie unter den OECD-Vorgaben liegen. 21 Prozent gehen vom richtigen Wert (rd. 1,2 Mia. CHF jährlich) aus. 35 Prozent der StimmbürgerInnen schätzen, dass der Staat jährlich über ein Budget von 2,2 Milliarden Franken in der Entwicklungshilfe verfügt, und 19 Prozent gehen sogar von 3,2 Mia. CHF aus. Ein Viertel hat keine Vorstellung von der Höhe der Entwicklungshilfe des Bundes. Zeitlich gesehen besteht kein Trend.

36 Prozent aller Befragten sind der Meinung, dass die Schweiz mehr Engagement als andere Länder in der Entwicklungspolitik leistet. 46 Prozent stufen das Engagement etwa ebenbürtig ein, und 8 Prozent sind der Ansicht, die Schweiz leiste weniger als andere Länder. Seit 15 Jahren nimmt die Ansicht zu, wonach die Schweiz ein erhöhtes Engagement gegenüber den anderen Industrieländern leiste. In Wirklichkeit bewegt sich der Einsatz im Mittelfeld der OECD-Staaten.

68 Prozent aller Befragten kennen keine Bundesstelle, die sich mit Entwicklungshilfe auseinandersetzt. Mit 20 Prozent Nennungen ist die DEZA in der Bevölkerung am bekanntesten, das BAWI ist bei 16 Prozent der StimmbürgerInnen bekannt. Die Bekanntheit der DEZA ist leicht zurückgegangen, die vom BAWI gleich geblieben.

Am wirksamsten wird die direkte Zusammenarbeit (63%) des Bundes mit den Entwicklungsländern eingestuft. Etwas mehr als die Hälfte (54%) beurteilt die Wirksamkeit der indirekten Zusammenarbeit zwischen dem Bund und der UNO als wirksam. Am geringsten wird die Wirksamkeit der Zusammenarbeit zwischen der Weltbank (37%) und dem Bund angesehen. Gegenüber 1994 wird die Zusammenarbeit mit UNO-Organisationen positiver (+5%), derjenigen mit der Weltbank negativer (-5%) beurteilt.

Die Frage, ob Entwicklungshilfe statt in der Dritten Welt in den Ländern des Ostens (z.B. Russland, Bosnien) betrieben werden solle, zeigt eine Hälfte dagegen (49%), 44 Prozent teilweise und 2 Prozent ganz dafür. Die Meinungen haben sich in dieser Frage seit 1994 nicht verändert.

79 Prozent aller Befragten sind der Meinung, dass das Geld der Entwicklungshilfe zum Teil (67%) oder vollständig (12%) an die Bedürftigen hier in der Schweiz gehen sollte. Der Vergleich zwischen den letzten zwei Erhebungen (1994 und 1999) zeigt, dass heute 9 Prozent mehr Gelder in der Schweiz eingesetzt haben möchten. Seit der ersten Messung sinkt der Anteil der Gegnerschaft gegenüber einer Umverteilung der Entwicklungshilfegelder zu Gunsten der bedürftigen in der Schweiz und dürfte nun bei der aktuellen Lage noch gewachsen sein.

Abbildung 8

Die beste Beurteilung der bundeseigenen Entwicklungshilfe gilt der Wirksamkeit und der Ganzheitlichkeit des Ansatzes. Die Professionalität wird als eher mittelmässig eingestuft, gleiches gilt für die gewählte Projektgrösse, die Sparsamkeit und die Schaffung von Unabhängigkeit. Nachteilig ist die Bewertung der Bundesarbeit hinsichtlich der Bürokratie. Die Bundesprojekte werden zur Zeit als wirksamer und sparsamer eingestuft als vor 5 Jahren.

Entwicklungshilfe seitens privater Hilfswerke

82 Prozent nennen das "Rote Kreuz" und drei Viertel die "Caritas" spontan als bekannte private Hilfswerke. Es folgen "Terre des Hommes" (38%), danach "Médecins sans Frontières" (33%), gefolgt von "HEKS" (28%) und "Brot für alle"(27%) mit deutlich weniger Nennungen. Der spontane Bekanntheitsgrad der Hilfswerke schwankt über die Jahre hinweg, je nachdem, welches gerade im öffentlichen Interesse steht oder sich spezifisch engagiert.

19 Prozent der Stimmberechtigten sind der Meinung, dass die durch private Hilfswerke geleistete Entwicklungshilfe grösser sei als jene des Bundes. 42 Prozent nehmen an, dass diese etwa gleich ist, und 20 Prozent schätzen das Engagement der Hilfswerke kleiner ein, als die Hilfe des Bundes ein.

Abbildung 9

Die Vergleiche über die Zeit hinweg zeigen praktisch unveränderte Werte. In Wirklichkeit verfügen die Hilfswerke über vier Mal weniger Mittel als der Bund.

Vergleicht man die Arbeit der privaten Hilfswerke mit der des Bundes, stellt man fest, dass diese besser benotet wird. Am besten werden deren Einsatz bezüglich der Hilfe an die Gemeinschaft, der Angepasstheit an lokale Umstände, der Wirksamkeit und der Unterstützung der Armen beurteilt. Identisch wie beim Bund ist die Beurteilung bei der Sparsamkeit und der Professionalität. Die Hilfswerke gelten aber als weniger bürokratisch. Die Arbeit der Hilfswerke wird über die letzten 15 Jahre hinweg stabil beurteilt. Einzig im Bereich der Finanzkontrollen verschlechtert sich die Benotung.

Seit 1997 hat der Bund 11 Prozent seines Entwicklungsbudgets für die Unterstützung der privaten Schweizer Hilfswerke ausgegeben. 23 Prozent sind für eine Verstärkung dieser Leistungen. Die Mehrheit (56%) der StimmbürgerInnen ist der Meinung, der Bund soll dies gleich belassen, und nur 12 Prozent wollen eine Verminderung. Es ergibt sich kein Trend im Zeitvergleich.

Abbildung 10

Beziehung zwischen der schweizerischen Wirtschaft und den Entwicklungsländern

Die StimmbürgerInnen sind den Auswirkungen des Handels von schweizerischen Firmen in Entwicklungsländern gegenüber eher skeptisch eingestellt. Sie sind der Meinung, dass vorwiegend die Zentren begünstigt werden. Es wird vermutet, dass nur eine schmale Oberschicht davon profitieren kann, und sich die Verschuldung vergrössert. Die Wirken schweizerischer Firmen in Entwicklungsländern wird vorwiegend wirtschaftlich bewertet. An der Spitze genannt werden "Schaffen von Arbeitsplätzen" und "Erhöhen der produktiven Kraft". Es ergibt sich kein Trend im Zeitvergleich.

Entwicklungspolitische Stossrichtungen

Wie werden alternative Lösungsmöglichkeiten in der Entwicklungspolitik beurteilt? 64 Prozent sind der Meinung, dass ein bescheidener Lebensstil (z. B. weniger Öl verbrauchen, weniger Tropenhölzer importieren) und konstruktive Beiträge der Schweizer zur Veränderung der Wirtschaftsstrukturen (63%) wichtige Beiträge zur Lösung der Entwicklungsprobleme seien. 54 Prozent der StimmbürgerInnen denken zudem, dass die Entwicklungshilfe insgesamt verstärkt werden könnte. 49 Prozent sind der Meinung, mehr Handel mit den Entwicklungsländern könne Lösung im Entwicklungsproblem bieten, und nur 26 Prozent vertreten die Ansicht, man müsse die Entwicklungsländer in Ruhe lassen.

Der Trend geht eindeutig in Richtung der Betonung des persönlichen Lebensstiles als Beitrag zur Verbesserung der Situation in den Entwicklungsländern.

Abbildung 11

82 Prozent sind der Meinung, das Waffenexportverbot könne zur Lösung von Problemen in der Entwicklungspolitik beitragen. Am zweithäufigsten werden die Importe von landwirtschaftlichen Produkten (69%) und am dritthäufigsten die Rechtshilfe/Fluchtgelder als Lösungsmöglichkeit gesehen. Am geringsten wird der Lösungsansatz in der Aufnahme von Asylbewerbern (13%) genannt. Es ergibt sich kein Trend im Zeitvergleich.

Mediennutzung

Die meisten Informationen zur Entwicklungszusammenarbeit beziehen die Leute aus dem Fernsehen (43%). Andere Kanäle wie die Presse, Publikationen von Hilfswerken, eigene Erfahrungen der Leute aus den Entwicklungsländer sowie das Radio gelten für rund je 10 Prozent der Bevölkerung als Informationsmittel. An Bedeutung verloren hat seit der ersten Messung vorwiegend das Radio, während die Printmedien und die Publikationen von Hilfswerken und die eigenen Erfahrungen der Leute an Einfluss gewonnen haben.

Abbildung 12

45 Prozent der Bevölkerung verweisen auf eine Informationslücke, die Hälfte findet der bestehende Informationsfluss sei gerade richtig, und 3 Prozent sind der Meinung, dieser sei zu gross. Es ergibt sich kein Trend im Zeitvergleich.

45 Prozent geben an, dass der Bund noch nie über die Entwicklungshilfe informiert habe. 42 Prozent haben dagegen bereits Informationen des Bundes in diesem Bereich wahrgenommen.

Quellenangabe: "Entwicklungshilfe-Monitor" des GfS-Forschungsinstituts, erstellt im Auftrag der DEZA und der Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke.