![]() | Dr. André Tinturier |
Den weiten Horizont des vorgegebenen Vortragsthemas "Die Zukunft des schweizerischen Bildungssystems" enge ich ein und konzentriere mich auf jenen Bereich, der mir am vertrautesten ist, die Berufsbildung.
Ich benütze gerne die Gelegenheit, Ihnen im Sinne einer Überleitung zum eigentlichen Kern des Themas, die Resultate des zur Zeit wohl herausragendsten Analytikers der Weltwirtschaft mitzugeben: Paul Kennedy1:
«Während viele Individuen und Firmen für das 21. Jahrhundert gut positioniert zu sein scheinen, trifft das auf nur relativ wenige Nationen zu. Von denen, die in diesem Überblick behandelt wurden, scheinen Japan, Korea und gewisse andere ostasiatische Handelsstaaten, Deutschland, die Schweiz, einige der skandinavischen Staaten und vielleicht die EU als Ganzes die günstigsten Voraussetzungen zu haben. Was diese mehr oder weniger gemeinsam haben, sind hohe Sparquoten, beeindruckende Investitionsniveaus, was neue Fertigungsstätten und Maschinen angeht, ausgezeichnete Bildungssysteme (insbesondere für jene jungen Leute, die keine Universität besuchen), eine gutausgebildete Arbeitnehmerschaft und effiziente Umschulungssysteme, eine Industriekultur mit mehr Ingenieuren als Juristen, eine auf den globalen Markt ausgerichtete Produktionsstruktur und einen Handelsbilanzüberschuss in "sichtbaren" Gütern.»2Als unbedingten Sympathisanten der schweizerischen Berufsbildung, des wohl effizientesten Aus- und Weiterbildungssystems, freut es mich natürlich ausserordentlich, derart fundierte Belege weitergeben zu dürfen.
Nun aber zurück zu meinem Hauptthema. Ich werde aus der Fülle von Materialien einige prägnante Beispiele3 herausgreifen, sie schlaglichtartig erörtern und den Boden für die anschliessende Diskussion vorzubereiten versuchen, damit wir uns für die zukünftige Ausgestaltung der Berufsbildung, der Bildung überhaupt, immer klarer vor Augen führen können, ob wir dieses System weiterverfolgen wollen, und wenn ja - was ich mir ausgesprochen erhoffe -, unter welchen Voraussetzungen, bzw. mit welchen Verbesserungen.
Wie mir der Präsident der Fachhochschulkommission, Herr Prof. Dr. H. Mey, anlässlich des diesjährigen Fachhochschulkongresses schmunzelnd ins Ohr flüsterte, leide die Schweiz immer noch an jenen Problemen, die von Napoleon I. seinerzeit nicht gelöst worden seien. Dazu gehöre das Erziehungswesen mit Sicherheit.
Dieses 1. Schlaglicht auf unser Bildungssystem - falls man überhaupt von einem solchen zu sprechen geneigt ist - zeigt Ihnen sofort auf, wie der Übergang zum Bundesstaat auf der Ebene Bildung nicht vollzogen worden ist. Dieselbe Schweiz hat nämlich von 1847 bis 1848 (in einem Jahr also) von mehreren Hundert je verschiedenen Währungs- und Masssystemen Abschied nehmen müssen; auf wirtschaftlichen Druck übrigens und ohne katastrophale Folgen für die anscheinend so konservative Bevölkerung.
Diese schematisierte Darstellung der Bildungslandschaft Schweiz gibt eine strukturelle Klarheit vor, die in Wirklichkeit kaum existiert: bereits im "Einschulungsjahr" 0 sind mindestens 26 Varianten4 mit Sicherheit greifbar zu machen; ebenso für die nachfolgenden Beschulungsjahre. Denkt man an die Schuljahresplanung (Ferienregelungen), macht da auch die Berufsbildung keine Ausnahme. Folge: für sämtliche suprakantonalen Veranstaltungen (überbetriebliche Einführungskurse, Lehrerweiterbildungskurse, interkantonale Fachkurse ...) ist eine Koordination kaum bis selten möglich.
Als einziges Bildungsteilsystem erfährt die Berufsbildung flächendeckende Geltung durch entsprechende Verfassungsbestimmungen.
Die 2. Folie gibt Ihnen die notwendigen Hinweise auf die derzeit noch gültige Regelung: in Artikel 34ter der Bundesverfassung (BV) wird dem Bund eine Regelungskompetenz für die Berufsbildung im engeren Sinne eingeräumt (Handel, Industrie und Gewerbe), unter Ausschluss der Erziehungs-, Gesundheits-, Kunst- und Medizinalberufe.
Die neue Bundesverfassung gibt dem Bund erweiterte Kompetenzen, heisst es doch in Artikel 63, Abschnitt 1 lapidar: "Der Bund erlässt Vorschriften über die Berufsbildung." Damit fallen auf Stufe Grundausbildung die sogenannten GSK-Berufe (Gesundheit, Soziales, Kunst) neu in die Regelungshoheit des Bundes.
Die nächste Folie vermittelt Ihnen einen ungefähren Überblick über die derzeitige Organisation der Berufsbildung auf Stufe Bund.
Per 1. Januar 1998 wurden die Abteilung Berufsbildung sowie das Schweizerische Institut für Berufspädagogik des vormaligen Bundesamts für Industrie, Gewerbe und Arbeit in das neu gegründete Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) eingebracht und mit dem Technologieteil des ebenfalls aufgelösten Bundesamts für Konjunkturfragen zusammengeführt.
Nicht nur das Bundesamt wurde neu geschaffen, sondern auch dessen Unterabteilungen. Sie wurden "Leistungsbereiche" getauft; einige davon haben ihre ursprüngliche Funktionen beibehalten, andere - wie der Leistungsbereich Bildungscontrolling, dem der zu Ihnen Sprechende als Leiter zugehören darf - haben gänzlich neue Rollen und Funktionen erhalten.
Im nächsten Schlaglicht werfen wir einen Blick auf den Kostenrahmen der schweizerischen Berufsbildung.
Sie werden die erstaunliche Feststellung machen, dass der gesamte Bundesbeitrag relativ bescheiden ausfällt, (ca. 420 Millionen CHF jährlich) und dass die Grosslast der finanziellen Aufwendungen bei den Kantonen liegt. Sie sind ja auch für die Organisation des beruflichen Unterrichts zuständig; wobei es die unter dem Schlaglicht 1 aufgeworfene Problematik (Ausbildungskoordination) wiederum zu berücksichtigen gilt.
Zur bundesseitigen Wertschätzung für die Berufsbildung sei immerhin angemerkt, dass dieselbe Bundeskasse allein für die Subventionierung der Überschussverwertung des "Emmentalers" jährlich bislang 520 Millionen CHF aufzuwenden bereit gewesen ist!
Eine weitere Feststellung muss der nahezu gleichbelasteten Kostenträgerschaft gelten: Öffentliche Hand, Lehrbetriebe sowie Auszubildende sind ungefähr mit je einem Drittel an den Aufwendungen für die Ausbildung beteiligt.
Wer sich vertiefter mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, kann dies anhand des für den Schreinerberuf detailliert ausgeführten Beispiels in der eingangs zitierten DBK-Broschüre tun. Die Aufwendungen sowohl der betrieblichen Kostenträgerschaft wie auch jene des Auszubildenden selbst scheinen mir dort überaus einleuchtend und plausibel dargestellt.
Interessant wäre hier ein Quervergleich mit der nichtberuflichen Ausbildung an Vollzeitschulen, insbesondere den Gymnasien: die gesamten Ausbildungskosten wären dann ebenfalls zu je einem Drittel der Öffentlichen Hand, der Schule und den Maturanden (bzw. deren Eltern) zu übertragen.
Allein bei überschlagsmässigen Grundsatzüberlegungen zum finanziellen Aufwand pro Auszubildenden, wird es Sie kaum verwundern, dass derzeit die Verhältniszahlen bei 1:10 liegen, dass also das Erreichen des Abschlusses auf Sekundarstufe II für eine Gymnasiastin 10-mal teurer kommt als für eine Lehrtochter des dualen Systems.
Als nächsten Schritt schlagen wir den Bogen von der Kosten- auf die Mengenstruktur der Ausbildung auf Sekundarstufe II; obwohl Flächendiagramme äusserst schwierig zu interpretieren sind (persönlich hätte ich lieber mit prozentualen Anteilen gearbeitet), wagen wir uns auf dieses heikle Terrain.
Wenn wir als erstes die Kurven der ausserhalb des Berufsbildungsgesetzes (BBG) angesiedelten Ausbildungsformen betrachten, sehen wir, dass sie in etwa parallel verlaufen, in sich also kaum Schwankungen unterworfen sind.
Als einzige oszilliert die Kurve der Auszubildenden im BBG-Bereich und dies erst noch recht signifikant. Es wäre wohl müssig, an dieser Stelle Begründungen für diese Schwankungen ableiten zu wollen, das Diagramm gibt einfach nicht mehr her. Selbstverständlich spielen im Berufsbildungssektor marktwirtschaftliche Gegebenheiten mit, aber nicht nur sie.
Ein weniger bequemes Erklärungsmuster liefert uns das nächste Schlaglicht; es zeigt uns auch, dass die effektive Aussagekraft grafischer Darstellungen um einiges gesteigert werden kann, wenn das darunter liegende Zahlenmaterial entsprechend aufbereitet wird.
Ausgangspunkt ist das Erhebungsjahr 1980/81, das für alle drei Kurven die Basis zu 100% darstellt:
Auf Anhieb sind die ausschlaggebenden Mechanismen ersichtlich:
Folgt die Kurve "Berufsbildung" jener der 16-jährigen Wohnbevölkerung nahezu parallel, so verabschiedet sich die Kurve "Maturitätsschulen" ab 1988 vom bisher gemeinsamen Trend und zwar nach oben.
Ab 1990 nimmt diese Trendwende geradezu explosiven Charakter an.
Bei diesem Befund reichen eindimensionale Erklärungsversuche nicht aus. Dass neben Faktoren wie Verhältnisse am Arbeitsmarkt, "Ghettoisierung" der Schweiz(er) im "Réduit" Gymnasium, Stadt-/Land-Problematik, Sozialprestige etc. aber auch ganz nahrhafte Eigeninteressen der Maturitätsschulen diesem Trend zugrunde liegen, zeigt dieses Schlaglicht in erschreckender Deutlichkeit.
In diesem Zusammenhang müssen die Aussagen zur Kostenträgerschaft (Schlaglicht 4) in Erinnerung gerufen werden: bildungspolitisch, bzw. finanzpolitisch ist nicht nur die grandios dosierte Subventionierung der Überschussverwertung von Emmentaler Käse ein Paradebeispiel von Verhältnisblödsinn, sondern vielmehr das Faktum, dass auch im Bildungswesen die Finanzströme selbst in einer Demokratie den "happy few" zufliessen und anscheinend keinem Korrektiv, einer schulstufenspezifischen Quotenregelung etwa, unterzogen werden kann und darf.
Mit den beiden letzten Schlaglichtern möchte ich auf weitere, eher staats-, denn bildungspolitische Problematiken hinweisen, zu deren Lösung ein zukunftsträchtiges Bildungssystem beitragen muss: Schlaglicht 7 zeigt Ihnen die sprachregionale Verankerung der Schul- und Ausbildungstypen auf Sekundarstufe II; das achte und letzte Schlaglicht wird die Geschlechtermerkmale in den Berufsarten auszuleuchten versuchen.
Schlaglicht 7 belegt das eindeutige Schwergewicht der Deutschschweiz hinsichtlich der Anteile an der Berufslehre. Allerdings ist auch die deutschsprachige Schweiz kein Ausbund an Homogenität: Basel-Stadt weist in etwa die gleichen Charakteristiken auf wie die Romandie. Dennoch, die geradezu volkstümlich gewordene Aussage, die Berufsbildung sei eine "Deutschschweizer Übung" entbehrt keineswegs jeglicher Grundlage.
Der Anteil vollschulischer, nichtberuflicher Ausbildungen ist in der lateinischen Schweiz markant höher als im deutschsprachigen Landesteil.
Die ebenfalls voll vom Staat bezahlte "Schulische Berufsbildung" ist in der Westschweiz sogar doppelt so stark verankert wie in der Deutschschweiz. - Interessant ist übrigens, dass die Höhe der Arbeitslosenquoten sprachregional in etwa mit diesen Fakten korrelieren; diesen Aspekt werde ich aber hier nicht weiter vertiefen.
Viel wichtiger wäre es meiner Meinung nach, diese Faktenreihe zu hinterfragen, eigentliche Ursachenforschung zu betreiben und mittels eines gut verschnürten Massnahmenpakets den goldenen Mittelweg zu finden.
Dieser Befund trifft auch auf das letzte Schlaglicht zu, das ich Ihnen heute abend vor Augen führen möchte: den Frauenanteil in den Berufsarten.
Vom gesamtschweizerischen Durchschnitt her gesehen, liegen wir gar nicht so schlecht. Mit dem nahezu 45%-Anteil Frauen wird die Bevölkerungsstatistik fast millimetergenau reflektiert.
Etwas anders sieht die Lage im Detail aus, bzw. unter Berücksichtigung der "traditionellen" Rollenverteilung: über 60%-ige Frauenanteile sind im "Bürobereich", "Verkauf", "Körperpflege" und "Heilbehandlung" auszumachen. Legt man die Grenze bei 50% fest , kommen gerade noch "Gartenbau" und "Gastgewerbe, Hauswirtschaft" hinzu.
Die Frau also vornehmlich in der zudienenden Rolle mit kaum bis gerade noch existenzsichernden Salären und geringen Karriereaussichten.
Mit diesen 8 Schlaglichtern möchte ich Sie zu einer partnerschaftlichen Mitgestaltung unseres Bildungssystems anregen. Etwas Derartiges kann aber nur gelingen, wenn wir uns über Ausgangsbedingungen, Entwicklungsmöglichkeiten die notwendige Klarheit verschaffen und uns einen festen Realisierungswillen zusprechen.
Ich komme dabei zurück auf die unter Schlaglicht 6 etwas pessimistisch gefasste Aussage, es existiere kaum ein Korrektiv zu der dort ersichtlichen "schulbevölkerungstechnischen Trendwende."
Damit wir aber die anstehenden Probleme UND deren Lösungsansätze "zeitverzugslos" - oder soll ich "just in time" sagen? - in den Griff bekommen, brauchen wir einen weiteren Aktivitätenast auf methodischer Ebene: wir brauchen zuverlässige Instrumente.
Mit der unter Schlaglicht 3 erwähnten Einrichtung eines Bildungscontrollings hoffen wir, entscheidende Beiträge zur Steuerung dieses "Kolosses" beitragen zu können. - Ich möchte nun aber Ihre Geduld nicht mit Details überstrapazieren, sondern mit der gebotenen Kürze die Hauptlinien dieses Bildungscontrollings aufzeigen.
Wir teilen das Bildungscontrolling in 3 Hauptelemente auf:
Daneben benötigen wir selbstverständlich auch eine Serie weiterer mächtiger Instrumente sowie eine Art "Testlabor"
Zu diesen Instrumenten gehört auch das gegen Ende März 1999 der GfS übertragene Mandat eines "Berufsbildungs-Delphi".
Es handelt sich dabei um eine wissenschaftlich fundierte Methode Expertenwissen auf allen Stufen zusammenzutragen, zu analysieren und daraus mittel- und langfristige Leitplanken einer Bildungspolitik abzuleiten (Deutschland hat diese Delphi-Studie - auch auf handwerklicher Ebene - 1997/98 abgeschlossen und Leitplanken bis ins Jahr 2020 erarbeiten können). Damit den Entwicklungsschüben Rechnung getragen werden kann, muss diese Studie regelmässig, etwa alle 4 Jahre, erneuert und das erhaltene "feedback" in eine flexibel zu gestaltende Bildungspolitik eingebaut werden.
Abschliessen möchte ich deshalb meinen "tour d'horizon" mit einem kurzen Hinweis auf das Referat von Frau Dr. Jeannine Dumont, der beim GfS für das Mandat verantwortlich zeichnenden Projektleiterin. Sie wird Sie gleich anschliessend um einiges kompetenter in dieses Thema einführen.