"Die Globalisierung als Prozess des Wertewandels": Reaktionsweisen der Bevölkerung auf die Globalisierung

Referat von Petra Huth im Rahmen der GfS-Jahrestagung 1997 zu "Globalisierung: Auswirkungen auf Einstellungen und Handeln in der Schweiz"

Einleitung

Im GfS-Forschungsinstitut beschäftigen wir uns hauptsächlich mit der Erforschung von Wahrnehmungen der Schweizer Bevölkerung. Wir messen also weniger Tatbestände, sondern nehmen diese vielmehr zum Anlass, um zu sehen, ob und wie Themen aus der Agenda von Medien und Eliten von der Bevölkerung perzipiert werden. Dies ist natürlich besonders spannend bei Themen, die erstmals gesellschaftliche Diskussionen auslösen. Darunter fallen neue Schlüsseltechnologien wie die Biotechnologie und das Internet, aber auch das Phänomen, das durch diese Technologien initiiert wurde und selbstreflexiv diese gleichzeitig bedingt. Es ist der Globalisierungsprozess.

Nach dem deutschen Soziologen Ulrich Beck erschüttert die Globalisierung das Selbstbild beispielsweise der Bundesrepublik Deutschland als einem homogenen, abgeschlossenen und vor allem 'abschliessbaren' Nationalstaat. Zwar sei Deutschland de facto bereits ein 'globaler' Ort mit verschiedenen Kulturen und ihren Widersprüchen. Das beschriebene Selbstbild überdeckt aber diese Realität. Im Gegensatz dazu beschreibt Beck Grossbritannien als eine Nation, deren Vergangenheit durch ihre Position als Weltmacht bestimmt ist. Im kollektiven Bewusstsein der Briten ist Globalisierung also mit einer positiven Erinnerung verbunden und stellt keinen Anachronismus dar.

Übertragen auf die Schweiz kritallisiert sich der Widerspruch zwischen dem Selbstbild und der eigentlichen Entwicklung in noch grösserer Schärfe als in Deutschland. Als ressourcenarmer Kleinstaat hat die Schweiz viele namhafte multinationale Unternehmen hervorgebracht, ein hohes Wohlstandsniveau und spezifisches Humankapital. Die international vernetzte Schweizer Wirtschaft hat sich vergleichsweise schnell und intensiv auf die Strukturveränderungen globalisierter Märkte eingestellt. Das helvetische Selbstbild sah diese Entwicklung bisher als durchaus vereinbar mit einer politischen Kultur an, die traditionell einen Tabubereich für Veränderungen darstellt und die in einer Zeit mit hoher Entscheidungs- und Handlungskadenz durch ein fein ausgeklügeltes System bewusster 'Langsamkeit' geprägt ist.

An genau diesem Widerspruch zwischen politischer Kultur und Wirtschaftsentwicklung setzt die verändernde Qualität des Phänomens Globalisierung an. In eine vorläufige Definition gebracht, stellt 'Globalisierung' einen qualitativen Sprung in der Dynamik der internationalen Vernetzung dar. Aus der wissenschaftlich-technischen Revolution im Kommunikationsbereich entstanden, bezeichnet sie einen Quantensprung in der Verdichtung der transnationalen Beziehungen. Sie hat zwingenden Charakter, weil sie die Ortsgebundenheit von bisher immobilen Produktionsfaktoren wie Arbeit und Kapital auflöst. Sie ist insofern aber auch ein Prozess, der in der Wirtschaft begonnen hat, sich aber in alle anderen Lebensbereiche fortsetzt und zu Veränderungen in den individuellen Werthaltungen führen wird.

Im Rahmen dieses Vortrags werden wir uns der Thematik in folgender Weise nähern: Zunächst beschäftigen wir uns mit dem Phänomen selbst, indem wir seinen ökonomischen, aber auch kulturellen und sozialen Charakteristika nachgehen. Einen zweiten Teil bilden empirische Ergebnisse aus verschiedenen Umfragen des GfS-Forschungsinstitutes zu Haltungen und Befindlichkeiten der Bevölkerung im Globalisierungsprozess. Schliesslich befassen wir uns in einem dritten letzten Teil des Referates mit den Folgen der Globalisierung für Wirtschaft, Staat und Gesellschaft sowie einem Szenario zu potentiellen Gewinnern und Verlierern aus diesem Prozess.

Ökonomische Kennzeichen der 'Globalisierung'

Wie kann man Globalisierung nun eigentlich fassen?

Was bedeutet Globalisierung ökonomisch?

  • Die Auflösung der klassischen Standorte
  • Globalisierung wirkt zeitkürzend und raumraffend
  • Der Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen kann sich niemand entziehen
  • Aussenräume werden zu Binnenräumen

Wirtschaftlich hat die 'Globalisierung' neben der Auflösung von Standorten vor allem einen zeitkürzenden und raumraffenden Effekt. Immer weniger wirtschaftliche Akteure sehen sich in der Lage, ihr Funktionieren allein mit dem Zugriff auf nationale Ressourcen zu sichern. Aussenräume werden zu Binnenräumen. Ein Beispiel hierfür ist der europäische Binnenmarkt, der die Nationalstaaten als wirtschaftliche Binnenräume ersetzt, während zeitgleich in Karibikstaaten künstliche Aussenräume als Steuerparadiese geschaffen werden.

Der 'Globalisierung' der Wirtschaftsbeziehungen kann sich niemand entziehen. Die Auflösung von Grenzen erhöht zum einen die Transparenz im Hinblick auf Produktpreise, zum anderen verschärft diese Transparenz den Wettbewerb. Die Mobilität des Faktors Arbeit wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus, indem bspw. unterschiedliche Ausbildungen vergleichbar werden.

Menschen, Städte und Regionen treten als Standortkonkurrenten vermehrt direkt und nicht mehr über den Bund vermittelt gegeneinander an.

Kulturelle Auswirkungen der 'Globalisierung'

'Globalisierung' wirkt sich aber auch kulturell und sozial aus:

Was bedeutet Globalisierung kulturell?

  • Einen qualitativen Sprung in der Dynamik der internationalen Vernetzung
  • 'Globalität' oder weltweites Denken als neuen Identitätsaspekt
  • Universalismus versus Partikularismus oder die Pluralisierung der Lebensstile

Durch die Intensität der Vernetzung, die Prozesswerdung von Strukturen entsteht Stress. In rascher Veränderung begriffene Werte und die simultane Erfahrbarkeit anderer Lebensstile sind ebenso eine Verlockung, wie sie die bisherige Identität in Frage stellen.

Es entstehen aber auch neue Möglichkeiten durch weltweite Kooperationen in den Bereichen Sicherheit, Ökologie, Verkehr und Kommunikation, die ein Verantwortungsbewusstsein über Staatsgrenzen hinaus erzeugen und 'Globalität' als einen neuen Aspekt der Identität definieren. Beispiele sind sowohl die länderübergreifende Koordination der Hilfe bei humanitären Aktionen als auch die wachsende Empfindung einer Mitverantwortung für Klimakatastrophen oder für das Nichteinhalten von Menschenrechten.

Sprachen und Kulturen vermischen sich. Der Ethnotrend vereint sich mit der Amerikanisierung der Sprache und für die Vervielfältigung der Lebensstile steht der schweizerische Geschäftsmann, der morgens mit seinem japanischen Auto zur Arbeit fährt, mittags mit Geschäftspartnern aus dem EU-Raum chinesisch essen geht und nachdem er mit Hilfe seines in Indien zusammengesetzten Computers seinen Arbeitstag beendet hat, sich abends im Gemeinderat über die Überfremdung in der Schweiz aufregt.

Für die nationalen politischen Eliten bürgerlicher wie linker Provenienz baut sich daraus ein Widerspruch auf. Die politische Elite strebt auf der einen Seite Fortschrittlichkeit, internationale Vernetzung und mentale Weltoffenheit an, weil diese das Wohlstandsniveau fördert. Anderseits ist der Nationalstaat zur Legitimation seiner Existenz darauf angewiesen, dass die Bürger auf ihn als primären Identifikationsrahmen zurückgreifen.

Für die Finanzierung und Durchsetzung nach wie vor dominant nationaler Politikbereiche wie bspw. die Sozialpolitik ist die Standortqualität des Landes eine Notwendigkeit, um Einkommensverluste des Staates durch das Abwandern von Firmen gering zu halten. Gleichzeitig muss eine funktionierende Sozialpolitik die Gesellschaft vor Spaltungen schützen.

'Globalisierung' aus der Sicht der Wirtschaft

Nach diesem Versuch die 'Globalisierung' auf zentrale Bestandteile einzugrenzen, werfen wir nun einen Blick auf die Bedingungen unter denen die Schweizer Wirtschaft die 'Globalisierung' versteht.


 
Grafik 1
 

Die jüngste Prognose der Weltbank für das Jahr 2020 zeigt China an der Spitze der weltweit führenden Volkswirtschaften. Indien und Indonesien nehmen die Positionen 4 und 5 ein, Südkorea und Thailand stehen auf den Plätzen 7 und 8. Taiwan befindet sich auf dem Platz 10 der Rangliste. Der massive Aufstieg dieser Länder muss als nicht neuer Hinweis darauf genommen werden, dass ein hoher Wirtschaftstandard und politisch stabile Verhältnisse entwickelter Industriegesellschaften alleine keine Garantie für den Erhalt der Wettbewerbsposition im nächsten Jahrtausend sind.

'Globalisierung' aus der Sicht der BürgerInnen

Einen Beleg dafür, dass SchweizerInnen und Schweizer die Veränderung in der Konkurrenzsituation im internationalen Umfeld ihres Landes präzise erfasst haben, kann ich ihnen in Form einer Frage präsentieren, die wir im GfS-Forschungsinstitut in einer repräsentativen Umfrage 714 StimmbürgerInnen gestellt haben. Sie lautet: 'Von welchen der folgenden Länder glauben Sie, dass sie in absehbarer Zukunft stärker in Konkurrenz mit der Schweizer Wirtschaft treten können?'


 
Grafik 2
 

60% der BürgerInnen nennen China und sehen damit die kommende wirtschaftliche Führungsnation ebenso, wie es die Zahlen der Weltbank voraussagen. Deutschland wird aus Schweizer Sicht höher rangiert als im weltweiten Vergleich. Dies ist insofern realistisch, als sowohl das Wertschöpfungprofil wie auch die Exportorientierung beider Volkswirtschaften sehr ähnlich sind.

Schliesslich werden Südkorea und Indien ebenso als massiv aufsteigende Wirtschaftsmächte wahrgenommen, wie dies in der Prognose für 2020 auch deutlich wurde. Hingegen wird Nordamerika nur von marginalen 5% der BürgerInnen genannt und insofern als Konkurrenz unterschätzt.

Wie die Konkurrenzsituation der Schweizer Wirtschaft im Zeitvergleich von den BürgerInnen und Bürgern eingestuft wird, zeigt die Graphik.

Seit 1980 stellen wir regelmässig die Frage: 'Wenn sie die Konkurrenzfähigkeit der Schweizer Wirtschaft mit derjenigen anderer Länder vergleichen, welche der folgenden Ansichten entspricht dann für Sie am ehesten der Wirklichkeit?'


 
Grafik 3
 

Wir können folgendes erkennen: In den wirtschaftlich guten 80er Jahren bis ins Jahr 1992 wuchsen die Anteile derjenigen stetig an, die die Entwicklung der Schweiz als verhältnismässig gut ansehen.

Während die Wirtschaft schon im Jahr 1990 erste Eindrücke einer Krise zu spüren bekam, nahm dies die Bevölkerung erst mit einer gewissen Zeitverzögerung wahr. Ab dem Jahr 1992 reduzierten sich die prinzipiell optimistischen BürgerInnen zugunsten steigender Anteile derjenigen, für die die Schweiz den Anschluss an andere Länder bereits teilweise verloren hat. Wie der Vergleich der vorletzten beiden Säulen zeigt, hat sich dieser Sachverhalt im Jahr 1996 nochmals zugespitzt. Innerhalb eines Jahres steigt der Anteil der Pessimisten. Für sie hat die Schweiz den Anschluss an andere Länder entweder ganz oder teilweise verloren.

In der neuesten Studie, deren Detailergebnisse im Januar des nächsten Jahres dem 'Bulletin' der Credit Suisse zu entnehmen sind, zeigen sich jedoch erste positive Veränderungen am Horizont. Erstmals sinkt die Gruppe der Personen leicht, für die die Schweiz den Anschluss an andere Länder endgültig verloren hat, und gleichzeitig wachsen im selben Ausmass die StimmbürgerInnen, nach deren Ansicht das Land vergleichsweise gut im internationalen Wettbewerb dasteht. Am Ende des Jahres 1997 sieht also eine relative Mehrheit der stimmberechtigten Bevölkerung eine gute, wenn auch vermehrt umkämpfte Wettbewerbssituation der Schweizer Wirtschaft.

An diese Einschätzung schliesst sich auch eine bestimmte Stimmung an. Fast 60 Prozent der Schweizer StimmbürgerInnen können den Begriff Globalisierung einordnen. Vor rund 12 Monaten sagten dies nur 42 Prozent von sich selbst. Der rasch wachsende Bekanntheitsgrad zeigt die Aktualität des Themas in der öffentlichen Agenda. Allerdings wird die 'Globalisierung' von 57 Prozent der Stimmberechtigten mit 'Skepsis' wahrgenommen, und nur eine Minderheit von 28 Prozent assoziiert spontan 'Hoffnung'. Damit steht zwar eine Mehrheit der Globalisierung skeptisch gegenüber, allerdings hat sich diese Skepsis im Vergleich zum selben Zeitpunkt vor einem Jahr abgebaut und die Assoziation der Hoffnung hat zugenommen.

Die Haltungen zeigen den Rückgang bestimmter situativer Einflüsse auf, die stark auf das Klima der Wahrnehmungen wirken. So ist nun die erste Schockphase überwunden, die mit diversen medienträchtigen Fusionen Ende 1995 ausgelöst wurde und die besonders den Beginn des Jahres 1996 bestimmte. Sie bildete den Hintergrund für die Diskussion über die Arbeitsplatzsituation in der Schweiz, die in der Abstimmung über das Arbeitsgesetz am 1. Dezember 1996 kulminierte. Die breite mediale Thematisierung der Globalsierung begann mit diesen Ereignissen und ist im Bewusstsein von Schweizerinnen und Schweizern untrennbar mit der ökonomischen Krise verbunden. Ab dem Beginn dieses Jahres zeigen aber alle unsere Stimmungsbarometer eine eigentliche 'Beruhigung' der Klimafaktoren an, wie sie z.B. die individuellen Zukunftserwartungen darstellen. Materiell schlägt sich dies in leicht positiveren Beurteilungen der Schweizer Wettbewerbsposition und einer verringerten Skepsis gegenüber der Globalisierung nieder.


 
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Die mehrheitlich kritische Haltung zur Globalisierung kann jedoch nicht mit situativen Faktoren erklärt werden, sondern ist vielmehr auf einen eigentlichen Wertewandel im Bewusstsein der Bevölkerung zurückzuführen, der die Strukturen der Politikwahrnehmung in den 90er Jahren deutlich von denen der 80er unterscheidet.

In den wirtschaftlich erfolgreichen 80er Jahren drehten sich die primären Probleme der BürgerInnen um Themen, die nicht oder nur indirekt mit der Sicherung der Lebensbedingungen in Zusammenhang standen. Auf die Frage nach ihren drängendsten Problemen antworteten die BürgerInnen mit Themen wie der Umweltbelastung, Fragen der Gleichberechtigung der Frau oder Schaffung und Erhalt des weltweiten Friedens.

Mit der beginnenden Rezession Anfang der 90er Jahre bis 1994 änderten sich die Themen ein erstes Mal. In der Annahme, es handele sich bei den wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht um eine Struktur-, sondern um eine konjunkturelle Krise, wurden politisch prioritäre Problemdefinitionen auf eigentliche Stellvertreterprobleme der Wirtschaftslage abgewälzt. Namentlich sind hier die Ausländer- und die Drogenproblematik, aber auch die Kriminalität zu nennen.

Seit dem Jahr 1995 verfolgen wir das Entstehen eines umfassenderen Denkmusters, das die steigende Arbeitslosigkeit an vorderster Stelle mit der sozialen Sicherheit und der Sicherung des Alters verknüpft. Zu diesem Wahrnehmungspaket gehören auch die Gesundheitsvorsorge und die Sorge um die Schweizer Wirtschaft im allgemeinen. Die 'Globalisierung' wird neu als politisch prioritäres Thema aufgenommen.


 
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Auffallend ist hier die Teilung der Prioritätensetzung nach sozialen Schichten: Während für alle BürgerInnen die Beschäftigung mit der Arbeitslosigkeit vorrangig ist, thematisieren vor allem Selbstständige und Kader der öffentlichen und privaten Industrie Fragen der Wirtschaft im allgemeinen. Es sind in erster Linie Berufsgruppen mit weniger Sozialprestige, deren Sorgenliste die konkreten sozialen Belastungen vor die allgemeinen Wirtschaftsfragen plaziert.

Typisch für diese veränderte Problemlage ist eine neue Bewusstseinslage der Mittelschichten. In ihrer bisherigen Wahrnehmung orientierten sie sich eher an den oberen Schichten, während sie nun immer stärker die Problemsicht der unteren Schichten aufnehmen.

Mit einer massiven ökonomischen Verunsicherung geht also in Zeiten der 'Globalisierung' eine neue individuelle Beschäftigung mit existentiellen Fragen der Lebenssicherung einher. Dies prägt die Grundstimmung mit der die Bevölkerung auf die Herausforderung der 'Globalisierung' reagiert.

Die 'Globalisierung' hat aber noch eine zweite direkt messbare Wirkung auf die Befindlichkeiten. Seit 1990 halten wir bei der Frage, welcher geographischen Ebene sich die Schweizer primär zugehörig fühlen, folgende Veränderungen fest. Die Identifikation mit der Schweiz als solcher erodiert, stattdessen findet eine Reorientierung zum nahen Umfeld der Gemeinde einerseits und eine verstärkte Selbstsicht als WeltbürgerIn andererseits statt.


 
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Zu diesen grundlegenden Tendenzen kommt hinzu, dass es innerhalb dieser Bewegungen starke Unterschiede zwischen den Sprachgruppen gibt. So geht die primäre Ausrichtung am Bundesstaat Schweiz in der Romandie rasant zurück, dafür überwiegt zuerst die Orientierung am Nahraum der Gemeinde, aber auch des Kantons und der Sprachregion, in zweiter Linie an Europa.

In der deutschsprachigen Schweiz geht die Orientierung am Bundesstaat ebenfalls, aber weniger stark zurück. Hier beobachten wir allerdings eine parallele Zunahme der Orientierung an der Gemeinde und an der ganzen Welt sowie eine gleichzeitig sinkende Identifikation mit der eigenen Sprachregion. Damit verändern sich im Zuge der neuen Mobilitäts- und Kommunikationsmöglichkeiten die Identifikationsräume für immer mehr BürgerInnen zulasten der Orientierung am Nationalstaat.

Folgen für Wirtschaft, Staat und und Gesellschaft

Was sind also die Folgen dieser Zusammenhänge für die drei Bereiche Staat, Wirtschaft und Gesellschaft?


 
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Das Wachstum der Weltwirtschaft erfolgt immer weniger über eine quantitative Erhöhung der Produktion, sondern über eine qualitative Erhöhung der Produktivität. Die Zeitspannen für Produkt- und Prozessinnovationen reduzieren sich, und im Sinne der 'lean production' findet in den Industriestaaten eine Konzentration auf Produkte mit hoher Wertschöpfung statt. Die Folge sind Strukturveränderungen unter enormem Rationalisierungsdruck.

Die Identifikation der Unternehmen mit der nationalen Volkswirtschaft wird Kosten-Nutzenüberlegungen untergeordnet. Vom Staat wird daher erstens eine aktivere Angebotspolitik erwartet und zweitens eine eigenständigere Versorgung der aus dem Erwerbsprozess herausfallenden Personen.

Für die politischen Akteure hat dies im Wesentlichen drei Folgen: Erstens entstehen neue Polaritäten zwischen hocheffizienten, global operierenden Wirtschaftssektoren und binnenorientierten Sektoren einerseits und zwischen den weltweit operierenden Unternehmen und den nationalen Verwaltungen, Parteien und Interessengruppen anderseits. Es kommt zu einer Segmentierung der Erwerbstätigen: Die Beschäftigten spalten sich in eine hoch qualifizierte Hochlohnarbeiterschaft, die integriert und mobil ist, eine niedriger qualifizierte und leicht auswechselbare Niedriglohnarbeiterschaft und schliesslich die Gruppe der Ausgesteuerten.

Zweitens: Lokal und supranational vernetzte neue soziale Bewegungen und pressure groups fragmentieren die nationale Politikgestaltung, indem sie mit umweltspezifischen, ethnischen, regionalen oder traditionalistischen Themen eine Konkurrenz zu Parteien und Verbänden bilden.

Drittens entstehen als Ursache und gleichzeitige Folge der internationalen Vernetzung supranationale Organisationen, die immer mehr Politikgestaltung länderübergreifend regeln, Normen definieren und Finanzierungsquellen beanspruchen. Sie formulieren damit Kompatibilitätsstandards, die den nationalen Handlungsspielraum eines Kleinstaats massiv einschränken.

So nimmt seit Ende der 80er Jahre die Anzahl der direktdemokratischen Entscheide sprunghaft zu, die aus der internationalen Verflochtenheit der Schweiz resultieren. In Bezug auf Europa als Paradebeispiel ist neben den bilateralen Verhandlungen, zum einen der autonome Nachvollzug der EU-Gesetzgebung zu nennen und zum anderen die künftige Betroffenheit der Schweiz von der Einführung des EURO. Die wirtschaftliche Vernetzung mit anderen Ländern ist von einem gern genutzten Vorteil zu einem existenzbedingenden 'Muss' geworden. Kein Land kann es sich mehr leisten, eine autonome Forschungs-, Rüstungs-, Asyl- oder Bildungpolitik zu betreiben.

Die strukturelle Macht des Nationalstaats begründet sich aber genau aus diesen Zusammenhängen, d.h. über den geographischen Ort, die Kontrolle von Mitgliedschaften, die Bestimmung von Gesetzen und die Verteidigung von Grenzen. Eine zunehmend mobile Gesellschaft unterläuft diesen Staat, weil eine multiple Kommunikation und nicht an den Ort gebundene Vielheit von Netzwerken, sozialen Bindungen und Lebensweisen seine Legitimation durch Quervernetzung ablöst. Globalisierung steht insofern dem zitierten Selbstbild einer homogenen und abschliessbaren Schweiz entgegen. Sie widerlegt den Anspruch der Unabhängigkeit, des neutralen Abseitsstehens und der nationalstaatlichen Souveränität, die aber als Werte im Bewusstsein von SchweizerInnen und Schweizern nach wie vor wichtig sind. Sie sind Teil eines neuartigen Konflikts zwischen Selbstbild und Handlung der Individuen.

Ein Szenario potentieller Gewinner und Verlierer

Entscheidend werden diese Zusammenhänge mit Blick auf die Spaltung der Gesellschaften in Gewinner- und Verlierergruppen. In Form eines Szenarios lassen sich vier Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen an die Politik ausmachen.

Die ökonomischen Gewinner orientieren sich vermehrt an den internationalen Märkten oder in grenzüberschreitenden Kooperationen. Sie erwarten dabei vom Nationalstaat mindestens vergleichbare, wenn nicht bessere Konditionen als in anderen Ländern, um diesen als Standort zu nutzen. Zu diesen Forderungen gehört auch eine Entlastung der Unternehmen von spezifischen sozialen Verantwortlichkeiten.

Zunehmend unabhängig vom Nationalstaat entfaltet sich die zweite Gewinnergruppe der 'Globalisierung' nach der Formel 'lokal plus transnational'. Es handelt sich zum grössten Teil um Netzwerke, in denen sich supranationale mit lokalen Strukturen auf der ökonomischen, kulturellen und politischen Ebene verbinden.

Die ökonomischen Verlierer orientieren sich dafür umso stärker am Staat. Hier artikuliert sich die Forderung zur sozialen und bildungspolitischen Integration resp. das Bedürfnis, die nationale Politik als zentrale Schlichtungsinstanz sozialer Konflikte einzusetzen.

Unterstützt wird dieses ökonomische von einem kulturellen Verweigererpotential, das sich an die traditionalistischen Kräfte hält, weil es sich von der Entgrenzung der bisherigen Identität durch den Globalisierungsprozess bedroht fühlt.

Der Staat steht vor der Aufgabe, steigende Ausgaben für soziale Sicherheit dank wachsender Arbeitslosenzahlen mit nicht im selben Masse wachsenden steuerlichen Einnahmen finanzieren zu müssen. Einnahmenrückgänge ergeben sich zum einen aus der Abwanderung von Unternehmen, steuertechnisch bedingten Auslagerungen und zum anderen aus vom Staat selbst hergestellten Anreizen.

Die de facto-Modernisierungsverlierer und diejenigen, die Angst vor einer solchen Rolle haben, bilden dabei ein politisches Vetopotential, das sich gegen jede Form der Deregulierung wendet. Politisch halten sie sich an die Kräfte, die ihnen den Erhalt der 'Wohlstandsinsel' Schweiz oder eine Restauration bisheriger Verhältnisse versprechen. Zahlenmässig ist dieses Segment der Bevölkerung wachsend, da es auch von den Teilen der Mittelschicht zehrt, die im Zuge der Strukturveränderungen über sinkende Einkommen sozial abrutschen.

Schluss

Damit möchte ich meinen Vortrag mit dem Versuch einer Bilanz aus dem Gesagten schliessen:

Die Erosion der Werte verläuft in der 'Willensnation' Schweiz vielleicht weniger schnell als in Nationen, in denen die Identifikation mit dem eigenen Staat geschichtlich stärker an geographische und kulturelle Gemeinsamkeiten geknüpft ist. Jedoch hat die intensive wirtschaftliche Umstrukturierung den Druck zu einer Anpassung und Öffnung der politischen und sozialen Kompromisspakete erhöht. Zentrale Integrationsinstrumente wie die AHV und die Regelung des Arbeitsmarktes werden von den StimmbürgerInnen in dem Bewusstsein als wichtige Probleme empfunden, dass neue Lösungen nötig geworden sind. Zur Diskussion steht eine Neuausrichtung der Gesellschaft auf veränderte Bedingungen ohne das sie dabei zerbricht.

Die empirischen Ergebnisse stellen eine tour d’horizon über die Befindlichkeiten der Bevölkerung in diesem Prozess dar. Sie zeigen, dass die Schweizer ein sehr präzises Bild von den internationalen Konkurrenzverhältnissen im nächsten Jahrtausend haben. Zudem verfügen sie mehrheitlich über ein positives und gleichzeitig kritisches Verständnis der eigenen wirtschaftlichen Position. Die Globalisierung wird aber insofern als Bedrohung empfunden, als sie an materielle Verlustängste, die Erosion zentraler Werte und die Verschiebung und Multiplizierung von individuellen Identifikationsebenen gekoppelt ist. Die Resultate deuten aber zudem an, dass eine Verbreiterung der Diskussion auf dem Hintergrund einer weniger angespannten Wirtschaftslage zu markanten positiven Veränderungen in den Haltungen zur Globalisierung führen kann. Die Form, in der ökonomische, mediale und politische Eliten mit den sensibelsten Themen wie der Arbeitslosigkeit oder der Finanzierung der Sozialpolitik in einer globalisierten Wirtschaft umgehen, dürfte für die Annäherung der Bevölkerung an das Thema entscheidend sein.


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