Akkulturation als Voraussetzung für eine offene Einbürgerungspolitik - Überlegungen aus der Sicht der Sozialwissenschaften

Referat von Claude Longchamp, Geschäftsführer des GfS-Forschungsinstituts, "Politik und Staat" im Rahmen der GfS-Jahrestagung 2001 zu "Der Schweizer Pass - werden AusländerInnen damit zu SchweizerInnen?"

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich bin in Fribourg geboren worden, ich habe ein waadtländer Bürgerrecht, und meine Mutter ist aus der Innerschweiz. Ich bin in Vororten von Basel und Aarau zur Schule gegangen, habe in Zürich studiert, und ich wohne seit 20 Jahren in Bern, zuerst in der Stadt, jetzt auf dem Land. Ich bin, so kann man sagen, eine gute Schweizer Mischung.

Sie erfassen aber nur einen Teil meiner andern sozialen Identität, wenn sie mich so sehen. Der kleine sechsjährige Clodi, der 1963 in den Aargau kam, wurden von den Kindern wie folgt begrüsst: "D'Franzose mit de gääle Hoose und de grüene Finke, pfui die stinke." Seither weiss ich, was es heisst, diskriminiert zu werden, und auch, dass man fast überall auf der Welt Ausländer ist, egal welche Nationalität man hat.

Jahre später hatte ich an der Uni für einmal ein "Aha"-Erlebnis. Ich lernte, dass die Helvetik 1798 vom städtischen Bürgertum Aaraus ausgerufen wurde, in der damals bernischen Provinzstadt für einen Aufbruch sorgte, gewaltige Investitionen auslöste und die Hoffnung weckte, zur Hauptstadt der modernen Schweiz zu werden. Französische Truppen hielten sich in Aarau auf, und als sie gingen, bezahlten sie nicht alle Rechnungen, was die Stimmung drückte. Die Landbevölkerung ihrerseits verzieh den Franzosen nie, dass sie Zwangsrekrutierungen bei jungen Männern für ihre Armeen vornahmen. Dies dürfte auch die Quelle für die francophobe Haltung sein, die heute politisch nicht mehr korrekt ist, in den Kinderreimen aber weiterlebt.

Wahrscheinlich ist alles komplizierter, als man meint, wenn man Menschen in Einheimische und AusländerInnen einteilt, in Fremdenfeindliche und Fremdenfreundliche, in Integrierte und Nicht-Integrierte. Wahrscheinlich haben alle von uns einen Teil "AusländerIn" und einen Teil "Einheimische" in sich. Beides spielt je nach Situation eine Rolle, mal mehr, mal weniger.

Versucht man diesen Gedanken in Kategorien der Sozialforschung auszudrücken, drängt sich der Begriff der "Akkulturation" auf. Akkulturation meint die Etablierung von Denk- und Verhaltensmustern, die aus verschiedenen Kulturen stammen. Es wird davon ausgegangen, dass Akkulturation nicht einfach die Übernahme einer feststehenden, übergeordneten Kultur, sondern eine Mischung aus verschiedenen Elementen ist, die ein Neues ergeben. So wie aus Fribourgern, die in der Deutschschweiz leben, hoffentlich etwas Originelles wird, verändern SchweizerInnen, die nach Kanada auswandern oder Südamerikanerinnen, die sich hier niederlassen, die lokale Kultur.

Meine These ist: Akkulturation ist die Basis, auf der eine sinnvolle Einbürgerung stattfindet. Sie gelingt nicht, wenn es keine Mischung gibt, sie ist aber auch problematisch, wenn sie eine reine Anpassung voraussetzt.

Letzteres ist das Verständnis des Assimilation. Dies bedeutet, dass Einwanderer sich ganz an die neuen Kultur anpassen müssen, quasi deren Wertsystem übernehmen und dies erst noch in einem hierarchischen geführten Prozess. Assimilation macht sie letztlich zu Bittstellern, wobei das Einwanderungsland recht eigenwillig darüber entscheidet, woran Assimilation gemessen wird und wer die Kriterien erfüllt, oder eben auch nicht.

Die für mich entscheidende Frage ist, unter welchen Bedingungen Akkulturation gelingt. Die Sozialwissenschaft hat dabei eine rechte einfache Antwort parat: Gemeinsame Interessen sind die Voraussetzung hierfür.

Was aber sind die Interessen der Einwanderer? Die Forschung verweist auf drei übergeordnete Motive: das ökonomische Interesse, das eine bessere Zukunft verspricht, das individualistische Interesse, das auf eine freiere Lebensgestaltung zielt, und der Schutz der Identität bei Verfolgung oder Repression. Man kann das unterschiedlich bewerten, aber auch einfach einmal als Voraussetzung der einen Seite hinnehmen. Dann stellt sich die Frage, was das Interesse des Einwanderungslandes ist. Und hier gibt es eine in der Schweiz recht wenig anerkannte Tatsache: Individuen und Gesellschaften, die auf Mischkulturen basieren, erweisen sich international als durchsetzungsfähiger, während sich monolithische Kulturen für sich besser zurecht finden. Die USA und Kanada sind typische Mischkulturen, die sich international durchgesetzt haben; man könnte aber auch Singapur oder Malaysia nennen. Die Schweizer Wirtschaft, die international verzweigt tätig ist, braucht, so kann man folgern, eine Mischkultur. Sie muss es aber auch wollen.

Mischkulturen zeichnen sich durch eine Pluralisierung von Lebensweisen aus. Sie sind genau das Gegenteil vom Wunsch nach Vereinheitlichung von Denk- und Verhaltensweisen. Pluralisierung von Lebensweisen ist aber nicht unproblematisch, sondern potenziell konfliktreich. Und hier stellt sich die entscheidende Frage, wie Mischkulturen mit solchen Konflikten umgehen. Die massgebliche Antwort vieler SoziologInnen lautet: Sie können dies nur dann friedlich tun, wenn wenigstens gemeinsame Regeln der Konfliktbewältigung bestehen. Das ist denn auch die Kernforderung an Einwanderer generell, an Einbürgerungswillige speziell.

Ich halte also nicht sehr viel davon, wenn gefordert wird, Einbürgerungswillige müssten schweizerische Werte teilen. Akzeptieren müssen sie hier wie anderswo die Menschenrechte. Und sie müssen akzeptieren, dass Konflikte, die im Einwanderungsland entstehen, nach dessen Gesetzen und Sitten geregelt werden. Das macht die Substanz der Akkulturation aus. Warnen will ich davor, eine strenge Vereinheitlichung von Werthaltungen anzustreben. Dies setzt nämlich eine allgemein anerkannte Definition schweizerischer Werte voraus, die ich eigentlich nicht kenne, - ausser das wir in der Vielfalt ein Einheit sehen. Dies ist eigentlich auch eine gute Grundlage für das Verständnis von Mischkulturen.

Dennoch weiss ich, dass die Pluralisierung von Lebensweisen Probleme schafft. Unterschichten neigen zu übersteigertem Nationalismus und Konformismus, wenn die Wirtschaft in der Krise ist. Diese Ängste können von xenophoben Kräften genutzt werden, und diese blockieren die Entwicklung von Mischkulturen. Vielmehr geben sie Tendenzen Auftrieb, eine restriktive Aufnahmepolitik bei der Einbürgerung und der Einwanderung zu verfolgen. Pluralisierung von Lebensweisen greift aber auch in den Alltag, und in den 90er Jahren sind neue Probleme bekannt geworden. Frauen weigern sich, mit Ausländern zusammenzuleben, die die Emanzipation nicht akzeptieren. Schulkinder müssen vor gewalttätigen Ausländerkindern beschützt werden, und Jugendliche bilden Selbsthilfegruppen, um sich in den lokalen Jugendtreffs konfliktfrei treffen zu können.

Gegen solche Probleme, die mit der Pluralisierung von Lebensweisen auch entstehen, braucht es Massnahmen, welche die Offenheit der Gesellschaft schützen. Man kann sie unter dem Stichwort der "Integrationspolitik" zusammenfassen, was die meisten hierzulande mit der Politik gegenüber der EU verwechseln. Intergrationspolitik ist vielmehr eine innenpolitische Angelegenheit, die einen Sinn hat: Sie will die Konfliktwahrscheinlichkeit in einer offenen, pluralisierten Gesellschaft vermindern. Sie hat zwei Adressaten: die Einwanderer und die Einheimischen.

Die Einwanderer müssen befähigt werden, hier leben zu können. Zentral ist es, die vorherrschende Sprache zu können und auch die Wege auf den Arbeitsmarkt zu kennen. Zur Integrationspolitik gehört es auch, das Verhalten im Einwanderungsland respektieren zu lernen, so, dass das Zusammenleben von schwerwiegenden Konflikten befreit geschehen kann. Integrationspolitik ist aber kein einseitiger Prozess. Der zweite Adressat sind die Einheimischen. Sie müssen zur Offenheit befähigt werden. So müssen sie informiert sein, was die Gründe für die Einwanderung sind, und was die Chancen der Migration und der Aufnahme von AusländerInnen im eigenen Land oder ins eigene Bürgerrecht sind.

Eine eigentliche Integrationspolitik sehe ich in der Schweiz nicht, und das macht es auch umso schwerer, in der nützlichen Mischkultur zu leben, obwohl die zahlreichen AusländerInnen Schweiz diese schon längst zu etablieren begonnen haben. Hier besteht in der Schweiz ein Handlungsbedarf.

Was hat dies alles mit unserem Tagungsthema zu tun? Ich gehe davon aus, dass es zwei falsche Auffassungen der Einbürgerung gibt. Zuerst nenne ich die instrumentelle Einbürgerung. Sie geschieht gegenüber Einbürgerungswilligen, welche gegen die hier skizzierten Minimalbedingungen des Gelingens von Akkulturation verstossen. Sie suchen nur einen individuellen Vorteil, richten sich nach den minimalen juristischen Anforderungen für die Einbürgerung, lehnen aber ihrerseits Akkulturation ab. Als zweites Problem erwähne ich die Einbürgerung ausschliesslich auf der Basis der Assimiltation, weil sie die Identifikation mit eine oft auch problematischen Eigenbild zur Voraussetzung nimmt.

Einbürgerung auf der Basis von Akkulturation ist dagegen zu befürworten. Dies gibt auch eine neue Perspektive: Einbürgerung ist nicht mehr das Endziel einer langwierigen Integration, sondern auch ein Anreiz, an einer Mischkultur mitzuwirken, die auf friedlicher und verständnisvoller Basis "für die Anderen" basiert. Dieser Wandel der Vorstellung von Einbürgerung ist auch für das Einwanderungsland eine Herausforderung.

Eines will ich betonen: Akkulturation ist zwingend nötig, wenn Mischkulturen existieren und ihre Stärken auch nutzen wollen. Akkulturation muss allerdings nicht zwingend zur Einbürgerung führen. Um zu unserem Tagungstitel zurückzukehren: Ich denke, man kann als AusländerIn auch SchweizerIn werden, ohne den Pass zu erwerben. Und man kann als SchweizerIn AusländerIn bleiben, selbst wenn man seit Geburt einen Schweizer Pass hat.