Kostenorientierung gewinnt an Bedeutung

Hauptergebnisse zum "Gesundheitsmonitor 2002"

 Claude Longchamp
Claude Longchamp,
Leiter Geschäftsbereich "Politik und Staat", GfS-Forschungsinstitut

Die zentrale Polarität, mit der die Bevölkerung das Gesundheitswesen beurteilt, bleibt die Bewertung zwischen Qualitäts- und Leistungsorientierung auf der einen Seite und Kostenüberlegungen auf der anderen Seite. Im Vergleich zu 2000 und 2001 haben die Akzente zugenommen, welche die Ausrichtung an den Kosten betonen. Mehr Themen als noch vor einem oder zwei Jahren werden heute vor allem unter diesem Aspekt beurteilt, wenn auch unübersehbar ist, dass die Qualitätsausrichtung vorhanden bleibt. Es ergeben sich aber wachsende Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen, namentlich weil die Schichtaspekte im Gesundheitsverhalten immer deutlicher werden. Vor allem die untersten Einkommensklassen richten sich zunehmend an den Kosten aus, welche das Gesundheitswesen bei Ihnen verursacht.

Die Studie

Die Jahresbefragung 2002 zum Gesundheitsmonitor der Interpharma ergibt aktualitätsbezogen und im Zeitvergleich seit 1997 zuverlässige Informationen über die Denkweisen der SchweizerInnen zu Fragen des Gesundheitswesens. Da die Studie vor allem die Analyse politischer Trends erlauben will, umfasst die Repräsentativ-Befragung nur Schweizer Stimmberechtigte. Geführt wurden die Interviews im Juli 2002 mittels persönlicher Face-to-face-Interview. Verantwortlich zeichnet das GfS-Forschungsinstitut, Geschäftsbereich "Politik und Staat", Bern.

Das Interesse an Fragen des Gesundheitswesens

Das Interesse der BürgerInnen an Fragen des Gesundheitswesens ist unvermindert hoch, ohne dass es im Jahresvergleich in der Breite zugenommen hätte. Veränderungen unterworfen sind jedoch die Bereitschaften, ein spezifisches Medium zu nutzen, um sich über Gesundheitsfragen zu informieren. Zunehmend verwendet werden Informationen des Arztes, der PatientInnen-Organisationen und der Hersteller. Rückläufig ist dagegen die Bereitschaft, sich via allgemeine Massenmedien wie Fernsehen und Radio in Gesundheitsfragen zu informieren. Die Printmedien können ihre Nachfrage nach Gesundheitsthemen gerade halten, während die Bereitschaft, das Internet für Gesundheitsfragen zu nutzen, steigt.

Grafik 1

Generell ist das Bild, das die BürgerInnen von den gesundheitspolitischen Akteuren haben, kritischer geworden. Dies gilt sowohl für deren zugeschriebene Fachkompetenz wie auch für die soziale Verantwortung. Nach wie vor rangieren die Ärzte auf beiden Dimensionen an der Spitze; die wachsende Kritik zeigt sich jedoch auch bei ihnen. Ein gesundheitspolitischer Sachverstand wird weiter vor allem der Pharmaindustrie und den Apotheken zugeschrieben. Neu folgt an vierter Stelle der Bundesrat, der sein Image als einziger Akteur deutlich verbessern konnte. Gehalten haben sich PatientInnen-Organisationen und Bundesämter. Bei der sozialen Verantwortung ist der Rückgang namentlich bei der Wissenschaft wie auch bei der Pharmaindustrie für das Jahr 2002 überdurchschnittlich.

Der eigene Gesundheitszustand

Der selbstreferierte Gesundheitszustand der stimmberechtigten Bevölkerung hat sich in den beiden letzten Jahren insgesamt nicht verändert. Es findet aber eine Polarisierung statt, wächst doch der Anteil leicht, der sich sehr gesund fühlt. Gleichzeitig nimmt auch der Prozentsatz jener Personen zu, die ihren Gesundheitszustand mässig bis schlecht beurteilen. Die Beschreibung des Gesundheitszustandes erfolgt in zunehmendem Masse schichtabhängig.

Grafik 2

Insgesamt sind 2002 etwas weniger StimmbürgerInnen innert Jahresfrist bei einem Arzt gewesen. Erstmals ist dies nicht nur wegen sinkenden Behandlungsanteilen, sondern auch wegen einem rückläufigen Anteil bei der Kontrolle der Fall. Auch das Mass, indem Behandlungen beansprucht werden, ist zunehmend schichtabhängig. Je tiefer das Einkommen ist, desto eher wird der ärztliche Dienst in Anspruch genommen.

Wenn man selber zum Arzt geht, erwartet man in erster Linie nach gesundheitspolitischen Kriterien behandelt und versorgt zu werden. 40 Prozent erwarten, immer das geeignetste Medikament zu erhalten, 13 Prozent das günstigste. 45 Prozent möchten, dass der Arzt zwischen beidem abwägt. Dieser Anteil ist in den letzten 2 Jahren um rund 10 Prozent gestiegen, namentlich zu Lasten der reinen Qualitätsausrichtung. Entscheidend bleibt damit, was der Arzt empfiehlt, selbst wenn man mehrheitlich erwartet, dass sich die PatientInnen selber informieren resp. die Apotheken Generika abgeben.

Praktisch unverändert negativ beurteilt wird die Höhe der Medikamentenpreise in der Schweiz. 84 Prozent erachten diese als zu hoch. Mehrheitlich nicht akzeptiert wird, dass die Medikamentenpreise in der Schweiz wegen der höheren Kaufkraft teurer sind. Unsicher ist die Mehrheit der Stimmberechtigten, ob die Medikamentenpreise wegen der Forschung so hoch sind.

57 Prozent sind heute bereit, Nachahmerprodukte zu verwenden, wenn diese die gleiche Wirkung zeigen. Dieser Anteil ist innert zweier Jahre um 13 Prozentpunkte gestiegen, und die Bereitschaft zum Wechsel ist hier mehrheitlich geworden. Minderheitlich bleibt die Bereitschaft, Medikamente im Ausland zu beziehen, auch wenn der Anteil hier zwischen 2000 und 2002 von 22 auf 29 Prozent gestiegen ist.

Die finanziellen Belastungen durch die Krankenkassenprämien

Dauerhafte oder gelegentliche finanzielle Probleme mit der Begleichung der Krankenkassenbeiträge bekunden 42 Prozent der Stimmberechtigten.

Grafik 3

Erstmals sagen mehr Personen, Schwierigkeiten mit der Begleichung der Krankenkassenprämien zu haben, als dies bei den Steuern der Fall ist. In den unteren Einkommensschichten ist dies ausgeprägter der Fall, und es wächst dieser Wert mit gelegentlichen Problemen auf über die Hälfte an. Nicht gestiegen ist im Zeitvergleich dagegen der Anteil, der dauerhafte Probleme mit den Krankenkassenprämien hat. Hier wirkt sich die Subventionierung der Prämien durch die öffentliche Hand dämpfend aus.

Grafik 4

Die finanziellen Belastungen durch die Krankenkassenprämien haben in den letzten beiden Jahren zu einer Änderung der Franchise resp. der Kasse geführt. Die Franchise innert zweier Jahre erhöht haben 12 Prozent, etwa je zur Hälfte bis 600 CHF resp. auf über 1200 CHF. Die Kasse gewechselt haben innert 5 Jahren 13 Prozent. Die Gründe sind allerdings nicht nur finanzieller Natur. Bisher waren die Leistungsangebote der Kassen sogar wichtiger für die Wahl einer neuen Krankenkasse. Aktuell erwägen 4 Prozent, die Kasse zu wechseln. Bei einem weiteren Anstieg der Prämien können sich das 11 Prozent vorstellen. Generell ist zu erwarten, dass inskünftig die Kostenausrichtung beim Kassenwechsel wichtiger werden wird. Als dritte Möglichkeit wird bei einem weiteren Anstieg der Kosten ein Abbau von Leistungen erwogen, die man beanspruchen will.

Präferenzen der Mittelverteilung

Könnten die BürgerInnen die vorhandenen Mittel im Gesundheitswesen anders verteilen, würden sie in erster Linie mehr für Spitex ausgeben. 38 Prozent sind hier für vermehrte Ausgaben. Der Trend ist im Zeitvergleich steigend. Praktisch konstant ist die Bereitschaft, dass man öffentlichen Spitälern mehr Mittel zur Verfügung stellt. Mehr ausgeben würden die BürgerInnen auch für Naturheilärzte, Intensivmedizin und Medikamentforschung, wenn sich auch in diesen drei Bereichen eine Reduktion der Bereitschaft über die Zeit zeigt, Mehrausgaben zu befürworten.

Sparen würden die Stimmberechtigten vor allem bei der Verwaltung der Kassen. Allerdings ist nur dieser Bereich mehrheitsfähig, und im Zeitvergleich ist die Sparbereitschaft sogar leicht rückläufig. Starke Minderheiten sind es, welche das Sparen bei SpezialistInnen unter den Ärzten, den Privatspitälern, den Medikamenten und den Allgemeinpraktikern befürworten. Im Jahresvergleich kritischer geworden ist die Bürgerschaft vor allem gegenüber den Kosten, welche die Ärzte verursachen.

Grafik 5

Keine der aktuell diskutierten Massnahmen, die zu einer deutlichen Senkung der Gesundheitskosten führen würden, ist mehrheitsfähig. Der Ausschluss der freien Spitalwahl, der Therapiefreiheit, der Arztwahl oder des Zugangs zu neuen Medikamenten resp. Behandlungsmethoden wird von 60 bis 69 Prozent abgelehnt. Am grössten ist die Unterstützung noch, wenn die freie Spitalwahl eingeschränkt würde. Dies befürworten 9 Prozent generell, und es kommen weitere 26 Prozent hinzu, welche ihre Zustimmung von der Höhe der Kostensenkung abhängig machen.

Die Haltungen zur Finanzierung der Krankenkassen

Das bestehende System der Krankenversicherung bleibt überwiegend positiv beurteilt. Massnahmen, die einen radikalen Wandel bringen würden, werden abgelehnt. Hoch bleiben die Erwartungen, dass sich die öffentliche Hand bei der Kostendeckung engagiert. Wachsend ist die Zustimmung zu einkommensabhängigen Komponenten der Finanzierung der beanspruchten Gesundheitskosten, sodass man auch hier von einer vermehrten Berücksichtigung von Kostenerwägungen sprechen kann.

Grafik 6

77 Prozent finden es richtig, dass die Krankenkassen-Beiträge für Haushalte mit niedrigen Einkommen subventioniert werden. Zwischenzeitlich ist die Zustimmung in allen (untersuchten) Kantonen mehrheitlich. In die Pflicht genommen wird hier in erster Linie der Bund, gefolgt von den Kantonen. 65 Prozent befürworten, dass der Bund auch die Krankenkassenbeiträge für Kinder subventioniert sollte. 72 Prozent stehen positiv zum Risikoausgleich zwischen den Kassen.

Grafik 7

72 Prozent würden befürworten, wenn die Prämien für die Grundversicherung einkommensabhängig ausgestaltet würden. 49 Prozent befürworten einkommensabhängige Franchisen. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer zur Finanzierung des Gesundheitswesens wird dagegen mehrheitlich abgelehnt. 58 Prozent stellen sich gegen diese Forderung; unterstützt wird sie von 34 Prozent.

Grafik 8

79 Prozent stehen einem Delegierten des Bundesrates, der die Preise im Gesundheitswesen kontrollieren würde, positiv gegenüber. Umstritten sind dagegen zwei andere aktuelle Forderungen. 41 Prozent befürworten eine Einheitskasse nach dem Modell der SUVA statt der heutigen Krankenkassen. 43 Prozent lehnen dies indessen ab. 37 Prozent befürworten den Zulassungsstopp neuer Ärzte, während sich hier 44 Prozent negativ äussern.

Der Leistungskatalog der Kassen

Der Leistungskatalog in der Grundversicherung, wie er heute besteht, wird im Wesentlichen als richtig erachtet. 56 Prozent sind dafür, dass dieser belassen wird. Dieser Anteil ist innert Jahresfrist um 10 Prozentpunkte gestiegen. Die Veränderung erfolgte vor allem zu Lasten der Befürwortung eines Ausbaus, die sich auf 26 Prozent reduziert hat. Die Unterstützung eines grundsätzlichen Abbaus bleibt dagegen bei 7 Prozent bestehen.

Grafik 9

Die alternative Medizin sollte nach Ansicht von 49 Prozent der Stimmberechtigten über die Zusatzversicherung geregelt werden. Für eine Finanzierung via Grundversicherung sind nur 32 Prozent.

In vier Bereichen zeichnet sich ab, dass es keine gesicherten Mehrheiten für die Kassendeckung gibt. Darunter fallen vor allem Suchtprobleme, ungewollte Kinderlosigkeit, Stressbeschwerden und die Prävention. In keinem Bereich findet sich indessen eine Mehrheit, die fordert, entsprechende Gesundheitsprobleme müssten ausschliesslich eigenverantwortlich bezahlt werden. Dies gilt im wesentlich auch für Viagra oder Life-Style-Medikamente.

55 Prozent ziehen es vor, wenn die Kassen verpflichtet sind, mit allen zugelassenen Ärzten Verträge abzuschliessen. Der Anteil reduzierte sich innert Jahresfrist indessen um 6 Prozentpunkte. Gewachsen ist die Bereitschaft, es den Kassen zu überlassen, welche Ärzte sie unter Vertrag nehmen wollen. Der Anteil beträgt aktuell jedoch nur minderheitliche 35 Prozent. Wenn diese Aufhebung des Zwangs kommen sollte, wie es das Parlament vorschlägt, sollten nach Ansicht der Stimmberechtigten qualitätsorientierte Kriterien wichtiger sein als die durch den Arzt verursachten Kosten.

55 Prozent sind der Meinung, die Behandlung eines Patienten sollte auf jeden Fall erfolgen, während es auch hier 35 Prozent sind, welche beispielsweise die Überlebenschance mit einbeziehen würden. Nur 2 Prozent befürworten den Verzicht von teuren Behandlungen bei geringen Lebenschancen. Im Zeitvergleich hat sich der Anteil, der eine Rationierung der Medizin ablehnt, innert zweier Jahre um 15 Prozentpunkte verringert.

Die pharmazeutischen Industrie und der Wirtschafts- und Forschungsstandort Schweiz

Die Bedeutung der Pharmaindustrie für den Standort Schweiz wird mehrheitlich als hoch angesehen. Diese Branche gilt der Mehrheit der Stimmberechtigten als wichtiger Arbeitgeber und Motor der Exportwirtschaft. Angenommen wird, dass die Pharmaindustrie im Ausland zum guten Ruf der Schweiz beiträgt. Gewisse Kritiken ergeben sich bezogen auf die Transparenz der Informationspolitik.

Grafik 10

Die Pharmaforschung selber ist weitgehend akzeptiert, denn sie wird von Mehrheiten als Beitrag zur Qualität des Gesundheitswesens in der Schweiz gesehen resp. als Garant von Lebensqualität. In die Forschung soll investiert werden, solange es noch nicht heilbare Krankheiten gibt.

Grafik 11

Grosse Gewinne werden akzeptiert, wenn sie in die Forschung investiert werden. Umstritten ist dagegen, ob auch höhere Preise für Medikamente damit rechtfertigt werden können. Eine Minderheit erwartet, dass mit der Investition in die Medikamentenforschung die Preise für Spitäler und Ärzte gesenkt werden können.

Generell besteht eine fast einhellige Meinung, dass alle vom medizinischen Fortschritt profitieren sollten.

Die aktuelle Erhebung im Rahmen der Studienreihe

Die aktuelle Erhebung "Gesundheitsmonitor" fand zwischen dem 1. Juli und dem 27. Juli 2002 statt. Erhoben wurden die Daten mittels "face-to-face"-Interviews, die durch instruierte BefragerInnen des GfS-Forschungsinstituts realisiert worden waren. Befragt wurden StimmbürgerInnen aus der deutsch- und französischsprachigen Schweiz. Der statistische Stichprobenfehler beträgt bei der vorliegenden Stichprobengrösse knapp +/-3 Prozent, das heisst, eine mit 50 Prozent bezifferte Aussage kann zwischen 47 und 53 Prozent schwanken, wobei kleine Abweichungen statistisch wahrscheinlicher, maximale Abweichungen dagegen nur mit fünf prozentiger Wahrscheinlichkeit vorkommen.

Der Fragebogen ist ursprünglich 1997 für die Beobachtung der Haltungen der Schweizer Stimmberechtigten gegenüber den Fragen im Gesundheitswesen entwickelt worden. Er wurde seither entlang der öffentlichen Diskussion spezifiziert und wird in periodischen Repräsentativ-Befragungen überprüft. Insgesamt sind in fünf Erhebungen gesamthaft 5000 Interviews realisiert worden.